Stimmen

Immer und immer wieder fuhr die Bürste über seine Hände. Mittlerweile war seine Haut vom Wasser aufgeweicht und vom Schrubben schwielig und wund. Sie schmerzten und jeder Zug mit der starren Fingernagelbürste fühlte sich inzwischen an, als würde er sich das Fleisch vom Knochen hobeln. Mit zusammengebissenen Kiefern feuerte er sie in das Becken und ballte die Fäuste. Er schloss die Augen und versuchte, die sofort aufkeimenden Gedanken an seine Vergangenheit abzuwimmeln. Erinnerungen voller Grausamkeiten und Leid. Sie plagten ihn und malträtierten seinen Geist.
Sein Verstand sagte ihm klar und deutlich, dass seine Hände sauber waren. Aber immer wieder herrschte ihn eine Stimme aus den Tiefen seines Inneren an, es erneut zu kontrollieren. Tränen der Verzweiflung rannen über seine Wangen, als er dem Zwang abermals erlag. Mit zitternden Fingern griff er wieder nach der Bürste. Schwer atmend wog er sie in der Hand und als er wiederholt mit seiner Malträtierung fortfahren wollte, riss ihn ein Klopfen aus seinem Treiben.
„Hallo?“, erklang die Stimme Jeremys. „Ist bei ihnen alles in Ordnung?“
„Ich, ich“, begann er stotternd, bevor er sich mit einem Räuspern sammelte. „Ich denke schon, Jeremy. Was gibt es?“
„Sie hat angerufen. Es geht wieder los.“
„Pack alles zusammen. Ich bin gleich soweit.“
Als er hörte wie sich die Schritte seines Lehrlings entfernten, erforschte er das Gesicht, das ihn aus dem Spiegel anstarrte und erschrak. Die Strapazen der letzten Tage und Nächte hatte ihm Furchen wie ein Canyon in sein Antlitz getrieben. Dicke Augenringe und fettige Haare sowie dunkle Bartstoppeln ließen ihn wie eine Karikatur seiner selbst wirken. Mit tiefen Atemzügen sammelte er seine Kräfte und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Als er zumindest einen Anflug des Mannes erkannte, der er einst war, kam ein kleiner Teil seiner Zuversicht wieder zurück. So entschlossen wie möglich nickte er sich selbst zu und verließ das Badezimmer. Im Flur wartete Jeremy und stellte soeben den benötigten Koffer vor seinen Füßen ab. Aufrichtig lächelnd reichte ihm sein Lehrling Mantel und Schal und öffnete die Tür.
Die ganze Fahrt über sagte keiner von beiden ein Wort. Während sein Schüler den Wagen fuhr, beobachtete er selbst die vorbeiziehenden Straßen. Leuchtreklamen und lichtgeflutete Schaufenster erhellten die Dunkelheit und bildeten kleine Archipele aus Licht in der dunklen Nacht. Die Menschen, die sich zu solch später Stunde zeigten, wirkten hektisch, scheu. Sie blieben im Schein der Laternen und mieden die Finsternis verwinkelter Seitengassen, als fürchteten sie sich vor dem, was sich in der Düsternis verbarg.
„Wir sind da.“, wandte sich Jeremy wieder an ihn und wartete auf Anweisungen. Aber mehr als ein Kopfnicken erntete er nicht. Er schenkte seinem Lehrling ein Lächeln und stieg aus dem Wagen. Kaum fiel die Tür ins Schloss, ließ sein Schüler das Fenster herunter.
„Was soll ich machen?“
„Fahr zurück.“, begann er und klappte den Mantelkragen hoch, da ihm der Wind ins Fleisch schnitt. „Jemand muss erklären, was hier vor sich ging.“
„Bei allem Respekt. Aber sie hatten euch von Anfang an kein Gehör geschenkt. Weshalb sollte es ausgerechnet jetzt anders sein?“
„Weil das, was wir bis jetzt erlebt haben, kaum ein anderer erlebt hat. Das darf nicht mehr länger überhört werden. Wenn wir auch dieses Mal auf taube Ohren stoßen, setzt du die Videos und allen anderen Beweise ins Internet.“
„Gibt es keinen anderen Weg? Ich kann euch wie schon zuvor helfen. Ich könnte doch…“
„Nein Jeremy.“, unterbrach er den Redeschwall seines Lehrlings kopfschüttelnd. „Dieses Mal nicht. Ich weiß nicht, was genau heute geschehen wird. Aber was es auch ist. Unser gemeinsamer Weg endet hier. Du bist so weit, deinen eigenen Pfad zu betreten. Halte dich an das, was ich dir beigebracht habe. Den Rest musst du selbst herausfinden.“
Eine lange Pause entstand zwischen ihnen. Für einen Augenblick stand er kurz davor, seinen Standpunkt erneut zu erläutern. Aber letzten Endes lenkte Jeremy mit einem Kopfnicken ein und fuhr los. Eine Weile sah er dem Wagen hinterher. Erst als die Rücklichter hinter einer Kurve verschwanden, widmete er sich wieder seiner eigentlichen Aufgabe. Er legte seinen Kopf in den Nacken und blickte den Wohnblock hinauf. Sofort flutete ein wilder Mix aus Bildern seiner Vergangenheit und dem Erlebten der letzten Tage seine Gedanken. Er zögerte, und für den Anflug einer Sekunde wog er die Möglichkeit ab, sich umzudrehen und alles hinter sich zu lassen. Einen Neuanfang zu riskieren. Aber sein gesamtes Leben glich einer Autobahn, die ihn geradewegs auf diesen einen Augenblick geführt hatte. Als wäre es vorherbestimmt, unausweichlich.
Seine Finger legten sich um den Henkel seines Koffers, bevor er mit langsamen Schritten die Stufen zum Haupteingang erklomm. Wie gewohnt war die Tür offen. Er betrat den Hausflur und zugleich schlich sich ein Stirnrunzeln auf sein Gesicht. Die Luft war von zahllosen Gerüchen geschwängert. Stimmen und Musik hallten durch den sonst menschenleeren Flur. Der Aufstieg in den achten Stock war mühsam genug, doch schon bald wurde er gezwungen, sich seinen Weg freizukämpfen. Auf den Zwischengeschoßen und selbst auf den Stufen der letzten Stockwerke hatte sich eine Vielzahl von Menschen versammelt. Es war ein kurioser Aufmarsch verschiedenster Geistlicher, Schamanen und Medizinmännern aus den entlegensten Teilen der Welt. Einige von ihnen hatte entweder Räucherwerk oder Kräuter entzündet. Während sich die einen durch Sprechgesang in Trance brachten und meditierten, hatten sich andere abstrakte Gesichtsbemalungen angelegt und vollführten exotische Stammestänze. Am letzten Absatz wurde er Zeuge der Hühnerschlachtung einer alten Frau, die er als Roma oder Sinti einordnete. Nachdem sich ihre Blicke trafen, hielt sie einen Moment lang inne und ließ sich etwas Blut in die Hand laufen. Die Schamanin beeilte sich, vor ihm an der Tür anzukommen, und schmierte ein seltsames Zeichen an den Rahmen, bevor sie ihm wieder Platz machte.
Endlich vollbrachte er das kleine Wunder und überwand die letzten Hindernisse und betätigte die Türklingel.
„Verschwinden sie.“, bellte eine allzu vertraute Frauenstimme.
„Ich bin es.“, antwortete er und versuchte zugleich, eine Falte aus seinem Ärmel zu striegeln.
Die Tür öffnete sich einen Spalt, bis sie ratternd von der eingehackten Kette gestoppt wurde. Das Gesicht Josefinas erschien in der Lücke und musterte ihn einen Augenblick skeptisch. Ihre Gesichtszüge entspannten sich erst, als sie ihn erkannte. Nachdem die Tür wieder geschlossen wurde, erklang erneut das Klappern und Klackern und als die Tür diesmal vollkommen aufschwang, war ihr Gesichtsausdruck erheblich einladender.
„Danke, dass ihr gekommen seid.“, begrüßte sie ihn und schritt beiseite damit er eintreten konnte.
„Ich kam, so schnell ich konnte. Wie schlimm ist es?“
„Schlimmer als jemals zuvor.“, kämpfte sie gegen die aufsteigenden Tränen. Ohne auf eine Erlaubnis zu warten schloss er sie in seine Arme. Sofort vergrub sich die Frau an seiner Schulter und begann auf der Stelle, heftig zu schluchzen. Es dauerte seine Zeit, bis sich das Beben ihres Körpers endlich beruhigte.
„Tut mir leid.“, entschuldigte sie sich, als sie sich von ihm trennte.
„Geht es wieder?“, erkundigte er sich besorgt und erntete sogleich ein Kopfnicken. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Wie geht es dem Kind?“, fragte er weiter und deutete auf die ausladende Wölbung unter ihrem Pullover.
„Sie ist eine Kämpferin.“, gab sie lächelnd von sich und streichelte sich zärtlich über ihren Bauch. „Ich kann es spüren, wie sie jeden Tag stärker wird.“
Er nickte bedächtig und schenkte ihr ein so aufrichtiges Lächeln, wie er es momentan vermochte. „Das ist gut.“
Er legte seine Hände vorsichtig an ihre Oberarme. „Ich verspreche, dass ich alles in meiner Macht stehende unternehmen werde, um sie beide zu retten.“
Als er das zweite Kind ansprach, trat ihr erneut Wasser in den Augen. „Wann hat es wieder begonnen?
“Vor etwa zwei Stunden.“
„Wieder in Altaramäisch?“
„Ich, ich glaube schon.“
„Bringen sie mich zu ihr.“
Er folgte Josefina durch den Flur bis ins Schlafzimmer ihrer Tochter Amy. Die Fenster waren abgedeckt. Sämtliche Möbel waren an die Wände gerückt. Nur das Bett mitsamt dem kleinen Nachttisch, auf dem das Babyphone thronte, standen in der Mitte des Raumes. Auf der Matratze lag das jugendliche Mädchen. Ihre Augen waren nach oben gerollt. Ein Netz dunkler Adern fächerte von ihren schwarzen Lippen aus über das gesamte Gesicht. Die Zähne wie ein wildes Tier gefletscht. Die Gurte, mit denen Amy fixiert war, knirschten gefährlich, als würden sie jeden Augenblick reißen. Vorsichtig betrat er das Schlafzimmer ohne die Led-Anzeige des Babyphones aus den Augen zu lassen. Das kleine Gerät thronte auf dem Nachtkästchen. Sein Atem beschleunigte sich. Er beobachtete den Ausschlag der Leuchten bei jedem Atemzug des Mädchens. Allmählich kehrte die Angst zurück. Seine Hände begannen zu Zittern und nur dem Aufbringen seiner gesamten Willenskraft war es zu verdanken, sich nicht zu kratzen oder ein Waschbecken zu suchen, um sich Stunden lang zu waschen. Erst die vorsichtige Berührung Josefinas an seiner Schulter zog ihn zurück in das Hier und Jetzt.
„Geht es ihnen gut?“, erkundigte sie sich besorgt.
„Ich, ich. Ich denke schon. Bitte schalten sie die Kameras wieder an.“, versuchte er die Situation zu überspielen und widmete sich seiner Aufgabe. Als die hochschwangere Frau das Zimmer verließ, stellte er seinen Koffer ab und begann mit der nur allzu vertrauten Prozedur. Er legte all seine Instrumente der Reihe nach auf und formulierte die ersten Psalmen. Das Ritual endete, als er die violette Stola anlegte und sich den Rosenkranz wie Boxbandagen um die Faust wickelte.
„Wie ich sehe seid ihr gekommen, um eine neue Runde einzuläuten, Pater.“ , grollte eine Stimme aus dem Babyphone, während sich die Lippen des Mädchens stumm aber synchron dazu bewegten.
„Wohl eher die letzte Runde, Dämon.“ ,konterte er grimmig.
„Auf einmal so kämpferisch? Die letzte Pause scheint euch wohl bekommen zu sein. Wollen wir dort fortfahren, wo wir zuletzt aufgehört hatten?“
„Ich bin der Diener des einen Herren.“, eröffnete er seine feurige Rede. „Unter seinem Licht gedeiht kein Schatten und vergeht jeder böse Wille. Sein Wort verleiht den Schwachen Kraft und Mut. Seine Macht wird zu meinem flammenden Schwert, mit dem ich gekommen bin, um dich endgültig zu richten.“, endete er laut und besprenkelte das Mädchen mit Weihwasser.
Amy verkrampfte sofort. Sie überdehnte ihren Rücken. Bäumte sich gegen die Fesseln. Ein Rumoren ging durch den Raum, als plötzlich die Led-Anzeige voll ausschlug. Ein dumpfer Ton erklang und mit einem Schlag stand er wieder an jenem Ort, der ihn zu dem Wrack hatte werden lassen, das er heute war.
Er schmeckte den Staub der Wüste und roch den Schweiß seiner Waffenbrüder, die sich die letzten Tage an die Soldaten geheftet hatte. Hörte das Lachen seiner Kameraden in dem gepanzerten Fahrzeug und spürte jede Bodenwelle sowie das Gewicht des schweren Maschinengewehrs, das an seiner Schulter lehnte. Er versuchte, sich gegen das zu wehren, was geschehen würde, doch der Dämon hämmerte ihm gnadenlos die eigenen Erinnerungen in den Kopf. Eine Detonation erschütterte den Geländewagen. Metall kreischte und lodernde Flammen drangen ins Innere. Feuer entzündete Stoff, brachte Kunststoff zum Schmelzen. Fleisch versengte und Höllenqualen zwangen Menschen zum Aufheulen. Eine weitere Explosion ließ das Gefährt endgültig zerbersten und katapultierte ihn durch die Luft. Als die Orientierung wiederkehrte, war die Umgebung mit dem Gestank von verbranntem Fleisch und den Leidensschreien seiner Soldatenkameraden geschwängert. Er rappelte sich auf und tat das einzig Richtige. Ungeachtet seiner eigenen Verletzungen begann er, die Verwundeten zu bergen. Er nahm einen seiner Kameraden unter den Armen und zog. Plötzlich gab etwas nach. Er stolperte rückwärts und landete unsanft auf dem Rücken. Erst jetzt sah er, dass er nicht mit leeren Händen gefallen war. Der Oberkörper seines Waffenbruders ruhte auf seiner Brust während seine Beine samt des Unterkörpers noch an Ort und Stelle lagen. Mit schreckensgeweiteten Augen versuchte er, sich von den sterblichen Überresten zu befreien. Als seine Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt wurden und er frei kam, fiel sein Blick auf seine Hände. Vom Feuer gezeichnet, von Ruß geschwärzt und vom Blut seiner Freunde besudelt.
Die Erinnerung riss ab. Sofort hechtete der Priester unter dem triumphierenden und hämischen Gejubel des Dämons aus dem Zimmer. Er stürmte ins Badezimmer und schrubbte sich wie wild. Als er glaubte, sich nicht vom Blut befreien zu können, begann er wie von Sinnen daran zu kratzen. Er wurde immer ungestümer und verlor sich in seinem Wahn. Wieder war es eine simple Geste, die ihn rettete. Eine Hand, die ihm sanft aufgelegt wurde und mit einem Mal aus dem Bann befreite. Es war Josefina, die ihn gütig anlächelte.
„Bitte geben sie Amy nicht auf.“
„Ich weiß nicht ob ich das kann. Ich weiß nicht, ob ich im Stande bin, ihm noch einmal die Stirn zu bieten.“, gestand er keuchend und zitternd.
„Bitte geben sie sie nicht auf. Ich weiß sonst nicht, wie es weiter gehen soll. Pater, ihr seid meine letzte Hoffnung.“, bettelte sie ihn mit tränengefüllten Augen an. Er fühlte sich so schwach, dass er noch nicht einmal die Kraft aufbrachte, ihrem Blick standzuhalten. Stattdessen brach er selbst in Tränen aus und sank in sich zusammen. Eine schier endlose Zeit verging, während er auf dem gefliesten Boden des Badezimmers lag. Seine Gedanken waren wie ein gewaltiger Strudel, der alles vermischte, bis seine Erinnerungen zu einem dichten und undurchdringlichem Schleier wurde.
Doch von einem Schlag auf den anderen übernahm ein neuer Teil von ihm die Kontrolle. Einen Teil, den er längst vergessen geglaubt hatte. Einen Teil, der ihm die Kraft verlieh, sich aus seiner Lethargie zu reißen.
„Nein.“, gab er nur leise von sich.
„Steh auf Soldat.“, befahl er sich selbst und kämpfte sich wieder in eine aufrechte Position. Endlich stehend betrachtete er seine zu Fäusten geballten Hände. Langsam erlaubte er sich, sie zu öffnen und die Handflächen zu inspizieren.
„Ich bin nicht schuld.“, sprach er zu sich selbst, als ihn die Erkenntnis traf. Er richtete seinen Blick gegen den Spiegel und sah zum ersten Mal seit langem in ein Gesicht, dass sich grimmiger und entschlossener denn je zeigte.
„Ich bin nicht schuld und ich war es auch nie. Ich hätte sie niemals retten können. Hast du mich gehört Dämon?“
Eine innere Ruhe hatte von ihm Besitz ergriffen und schien all sein Handeln zu übernehmen. Langsam und auf jede seiner Bewegungen bedacht erhob er sich und setzte einen Fuß vor den anderen, bis er endlich wieder in dem Zimmer stand. Der Dämon schien die Veränderung der Situation ebenfalls zu registrieren. Der Fluss an Spott und Beleidigungen, war mit einem Mal versiegt. Er öffnete die Bibel und begann von neuem mit dem Vorlesen.
„Im Namen Jesu Christi, unseren Gottes und Herrn, und durch die Fürsprache der unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter Maria, des heiligen Erzengels Michael, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und aller Heiligen, gestützt auf die heilige Gewalt unseres Amtes, gehen wir voll Zuversicht daran, die arglistigen teuflische Angriffe abzuwehren.“
Er bekreuzigte sich und besprenkelte mit entschlossener Miene den Körper des Mädchens erneut mit Weihwasser. Dieses Mal fiel ihre Reaktion erheblich stärker aus. Die Stellen, an denen sie getroffen wurde, zischten. Brandblasen bildeten sich, als hätte er sie mit Säure bespritzt. Immer heftiger warf sich Amy in die Gurte, bis sie mit einem Schlag innehielt. Sie fuhr mit dem Kopf in die Höhe, um ihn direkt in die Augen zu sehen. Ein tiefes Rumoren durchlief das Gebäude. Lange Risse zeichneten sich, an den Wänden und der Decke wie Flüsse auf einer Landkarte ab. Überall krochen Insekten hervor und schoben sich wie ein Teppich aus glänzendem Braun und Schwarz auf ihn zu. Zeitgleich öffnete Amy ihren Mund unnatürlich weit und mit einem Mal stob eine dichte Wolke aus Fliegen aus ihrem aufgerissenen Rachen. Wie eine gigantische Flutwelle brandete die Insektenwolke gegen ihn. Aber anstatt fluchtartig den Raum zu verlassen, hob der Priester die Faust mit dem Rosenkranz in die Höhe.
„Gott erhebt sich, da zerstieben seine Feinde, seine Gegner fliehen vor ihm. Wie flüchtiger Rauch verweht, wie Wachs vor dem Feuer zerfließt, so vergehen die Frevler vor Gottes Antlitz. Seht das Kreuz des Herrn!“, schrie er regelrecht gegen das immer lauter werdende Surren der zahllosen Fliegen, das mittlerweile schon dem Tosen eines Sturmes gleichkam. „Flieht, ihr feindlichen Mächte! Gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Sproß Davids. Deine Barmherzigkeit sei über uns, Herr, nachdem wir auf dich gehofft haben.“
Die Faust, wie den Rammbock einer römischen Galeere erhoben, trat er festen Schrittes vor. Immer wieder versuchte die Wolke, sich ihm entgegenzuwerfen, zerschellte aber an einer Art Kokon, der sich wie von Geisterhand um ihn gebildet hatte. Er setzte einen Fuß vor den anderen, bis er direkt am Bett des Mädchens zu stehen kam.
„Im Namen und der Kraft unseres Herrn Jesu Christ beschwören wir dich, jeglicher unreine Geist, jegliche satanische Macht, jegliche feindliche Sturmschar der Hölle, jegliche teuflische Legion, Horde und Bande zu schwinden.“
Der Schweiß lief ihm in Strömen über den Rücken. Nur mit Mühe gelang es, die Willenskraft aufzubringen, weiterhin den Dämon aus seinen Gedanken auszusperren. Immer wieder flammten blitzartig Bilder auf. Zerrissene Körper, Staub, Blut und Leidensschreie. Aber ein einziges Wort verlieh seinem Glauben die Kraft eines Felsens in der Brandung.
„Nein! Du hast keine Macht mehr über mich! Ich hätte keinen von ihnen retten können und wenn dies deine einzige Waffe gegen mich war, kämpfst du ab sofort mit stumpfer Klinge, Dämon! Meine Hände sind von nun an ebenso rein wie mein Gewissen. Ich bin ab jetzt erhaben über deinen Spott, deine Häme und deinen Willen.“
Augenblicklich wurde der Druck schwächer, mit dem die Insekten auf ihn eindrangen. Er wappnete sich für den finalen Kampf und kniete sich mit grimmiger Miene über Amy. Mit tiefen Atemzügen sammelte er seine letzten Reserven. Mit geschlossenen Augen presste er das Kreuz der Kette auf ihre Stirn, um den abschließenden Akt einzuläuten.
„Ihr werdet ausgerissen und hinausgetrieben aus der Kirche Gottes. Dir gebietet Gott, der Allerhöchste. Dir gebietet Gottes Sohn und der heilige Geist. Dir gebietet das Blut der Märtyrer, wie auch die fromme Fürsprache aller heiligen Männer und Frauen.“
Amy verkrampfte. Er hörte, wie mehrere Knochen brachen, als sie sich mit voller Wucht gegen die Fesseln warf. Der Schrei, der aus dem Babyphone dröhnte, hatte nichts Menschliches und klang hundertfach überlagert. Er öffnete die Augen, als er spürte, wie sich das Skelett des Mädchens verformte. Unter Amys Haut zeichneten sich Konturen eines anderen Gesichts ab und immer weiter wanderte wie ein Ertrinkender unter einer Eisdecke.
„Wir beschwören dich also,“ beeilte er sich schnell, „verfluchter Drache und alle teuflischen Legionen, durch Gott, höre auf, die menschlichen Wesen zu täuschen und ihnen das Gift der ewigen Verderbnis einzuträufeln.“
Amys Aufbäumen wurde immer brutaler. Um sich gegen den Dämon behaupten zu können, erhob er sich wieder und presste den Körper des Mädchens mit aller Kraft auf das Bett, während er mit jeder Silbe lauter wurde.
„Weiche Satan, Erfinder und Lehrmeister jeglicher Falschheit, Feind des menschlichen Heils. Mit der Kraft des einen Herrn befehle ich, zu weichen. Mit der Kraft des einen Herrn befehle ich zu weichen. Mit der Kraft des einen Herrn befehle ich zu weichen!“, brüllte er seinen letzten Satz und brachte das Babyphone endlich zum Schweigen. Nur einen Herzschlag, nachdem er sich siegreich wähnte, schlug die Led-Anzeige erneut flackernd aus.
„Du glaubst du hast gewonnen Priester? Ich sage dir du hattest nie eine Chance. Das Mädchen gehört mir. Ich scheide aus ihrem Körper und werde ihre Seele mit mir reißen. Ihren zerschundenen Leib lasse ich dir als Geschenk zurück. Ich habe bereits eine neue Behausung gefunden und dieses Mal werde ich endgültig geboren. Du bist machtlos.“, endete die Stimme hämisch lachend. Das Babyphone verstummt. Von einem Schlag auf den anderen war von den Spuren des Kampfes nichts mehr zu sehen. Weder waren die Risse an den Wänden noch etwas von den Insekten zu erkennen. Amy war nach wie vor ans Bett gefesselt. Von dem schwarzen Aderngeflecht in ihrem Gesicht fehlte ebenfalls jede Spur. Ihr gebrochener Blick war in stummer Anklage an ihn gerichtet. Ihr Atem hatte sich eingestellt. Amy war tot. Er hatte versagt.
Mit einem Schlag schien er taub und blind für das zu sein, was um ihn herum geschah. Der entsetzte Schrei Amys Mutter, als sie sich an ihm vorbeidrückte und sich auf den Leichnam ihrer Tochter warf. Er wusste nicht, was er sagen oder gar tun sollte. Ihr leerer Blick hatte etwas in ihm ausgelöst, das ihn einfrieren ließ. Es schien, als hätte das Mädchen während des Entweichens ihrer Seele einen Teil von ihm mit genommen. Er wandte sich ab und ging. Ein dichter Nebel hatte sich um seinen Verstand gelegt. Er registrierte nicht, dass die Musik und das wilde Durcheinander von Stimmen und Gesängen im Hausflur aufgehört hatte. Er merkte nicht, wie er von allen Anwesenden stumm beobachtet wurde, als er Stufe um Stufe die Treppen hinabstieg. Wie sie ihn alle nach und nach wie zum Salut berührten, ihm dankten, bis er das Haus in die Nacht verließ.
Der Whiskey brannte, während er seine Kehle hinunter lief und sich mit dem restlichen Alkohol in seinem Magen vermischte. Mit verzogenem Gesicht setzte er das leere Glas vor sich ab und bestellte den nächsten Shot. Er öffnete seine Augen und betrachtete erneut seinen Priesterkragen, den er schon seit Stunden in den Händen hielt. Die kleine Amy war jetzt fast zwei Wochen tot und er allein war es, der dies zugelassen hatte. Ihre Mutter hatte sich seitdem nicht mehr bei ihm gemeldet. Der Besuch der Polizei ließ dennoch nicht lange auf sich warten. Verhöre, Haftrichter, Untersuchungshaft, psychologische wie ärztliche Gutachten wechselten sich unentwegt ab. Aber zu seinem größten Erstaunen stellte sich plötzlich die Diözese vor ihn. Sie waren offenbar zu der Meinung gekommen, dass ein öffentlich angeprangerter Priester nicht im Sinne der Kirche war. Schadensbegrenzung hatten sie gesagt und dass sie sich beraten müssten, was mit ihm geschehen sollte. Sein Glas hatte sich dank des Barkeepers erneut gefüllt. Er wollte schon wieder danach greifen, als er aus dem Augenwinkel sah, wie Jeremy den Laden betrat. Er fluchte innerlich und stürzte den Drink hinunter.
„Hallo, Pater.“
„Was willst du hier?“, antwortete er genervt und bestellte sofort nach, um sein beklemmendes Gefühl zu unterdrücken.
„Ich habe überall nach euch gesucht. Es ist etwas passiert.“
„Was Jeremy? Was ist passiert.“, seufzte er schlecht gelaunt ,als Jermey eine lange Pause gemacht hatte.
„Amys Mutter hat angerufen. Es hat wieder angefangen. Es ist ihr Ungeborenes.“