Jene wie wir

„Männer wie wir fürchten nicht die Nacht. Männer wie wir, werden zum Schrecken, die der Nacht inne wohnen. Wir urteilen nicht, richten aber die, die uns sehen, wenn wir unserem Handwerk nachgehen. Richten, um zu bleiben was wir sind. Schatten und nichts als Geschichten in der Finsternis.“

Yui´s Blick blieb starr auf den Ochsenkarren gerichtet. Anders als das der restlichen Anwesenden wirkte ihr Gesicht wie in Stein gemeißelt. Gleichmäßig bildeten sich immer wieder kleine Atemwolken vor den Lippen, bevor sie vom eisigen Wind in Fetzen gerissen wurden. Viele der Erwachsenen um sie herum legten die Hände über die Augen ihrer Kinder, um dem Grauen die Kraft zu nehmen, das sich ihnen bot. Manche wandten sich mit entgleisten Gesichtszügen ab und übergaben sich an Ort und Stelle.
Sie starrte in die toten Augen des Samurai, der vor drei Tagen erst hier genächtigt hatte und groß davon sprach, dem Grauen ein Ende zu bereiten, das Yui´s Dorf und die umliegenden Orte ständig heimsuchte. Doch jetzt war der Blick gebrochen und ebenso leer wie das Versprechen, das er zuvor ablegte. Der zertrümmerte Brustkorb sah aus, als wäre ein Felsbrocken darauf gefallen. Das gefrorene Blut auf der Ladefläche bildete einen Teich aus glitzerndem Rot, in dem sich die zarten Sonnenstrahlen der Morgensonne tausendfach brachen. Seinen Begleitern wurden die Köpfe und andere Gliedmaßen abgerissen. Bei ihm hatte man bewusst darauf verzichtet, einem Samurai wie ihm das Antlitz zu entstellen. Die Dorfbewohner sollten sehen, was mit jenen geschieht die es wagen, sich dem Ungeheuer zu stellen.

Yui sah hin. Wie immer. Sie war eben sie. Anders. Die übrigen Nachkommen vollbrachten alles, wie ihre Eltern es vormachten, bis sie selbst zu einem Abbild von ihnen wurden. Yuis Vater brachte ihr ebenso viel bei. Sie lernte, wie man kocht, Flöte spielt oder Reis anbaut. Aber eines darüber hinaus. Etwas, das sie vor Uneingeweihten geheim hielt. Mit vier Jahren schnitt er ihr die Haare kurz und lehrte sie, sich wie ein Junge zu bewegen und sich so zu verhalten. Sie hatte es nie hinterfragt. Schon früh lernte sie, die Entscheidungen des Vaters und die ihres Großvaters nie in Frage zu stellen.
Doch vor zwei Jahren begab sich ihr Vater ebenfalls auf, das Ungeheuer im Schloss zu erschlagen. Er kehrte nie wieder zurück. An diesem Tag endeten ihre Lektionen.

Mit gesenktem Haupt stapfte sie ihrem Großvater durch den Schnee nach, bis sie zuhause ankamen. Sie holte eben Luft, um ihn mit all den Fragen zu konfrontieren, die ihr in den Kopf schossen. Dieser aber kam ihr zuvor.
„Geh in den Garten. Hole Holz und heize ein. Danach koch mir Tee. Ich gehe in der Zwischenzeit meditieren.“, polterte ihr Großvater und zog die Reispapierwand hinter sich zu. Die Zornesröte stieg Yui ins Gesicht. Doch wagte sie es nicht, ihm zu widersprechen. Stattdessen raffte sie die Ärmel des Kimonos und folgte den Anweisungen. Von knirschenden Lauten begleitet schritt sie durch den Schnee und betrat den kleinen Schuppen. Sie legte ein paar der Scheite auf, als ihr Blick auf ihr Versteck, ihr Allerheiligstes, fiel. Einen Augenblick lang spähte sie zum Haus zurück, bevor sie sich vor der Wand niederließ und das versteckte Panel öffnete. Ehrfürchtig entnahm sie ihrem Geheimfach eine Schatulle. Für einen Moment schienen die drei Spatzen aus eingelegten Silberverzierungen auf dem Deckel zum Leben zu erwachen, als sie das einfallende Licht reflektierten. Vorsichtig lüftete sie die Abdeckung des Kästchens, um erneut den Inhalt zu betrachten. Der lange Haarschopf, den sie einem Mädchen heimlich in einer Nacht abgeschnitten hatte, ohne dass sie dadurch wach wurde. Edle Bürsten, reichverzierte Broschen und Ohrringe verweilten ebenso darin wie scheinbar wertloses Kleinzeugs. Aber nur für unwissende Beobachter. Mit vier Jahren hatte ihr Vater mit ihrer Ausbildung angefangen und heute, mit sechzehn war sie eine Meisterin. Sie stahl nicht, um sich zu bereichern, sondern um ihr Geschick zu schulen.
Tagelang traf sie Vorbereitungen und studierte ihre Opfer. Lernte deren Verhaltensweisen und Eigenheiten, nur um im richtigen Moment zuzuschlagen. Seufzend verschloss sie die Schatulle und verstaute sie wieder in ihrem Geheimfach. Seit langem reifte ein Entschluss in ihr heran und heute würde sie ihren Großvater damit konfrontieren. Sie richtete sich auf und schleppte wie gefordert Holz in das Haus.
Als alle Arbeit vollbracht war, brachte sie den Tee in das Zimmer des Familienpatriarchen. Dieser hatte seine Meditation mittlerweile beendet und übte sich in der Kalligraphie. Seine Bewegungen waren perfekt und flossen mit einer Anmut über die Blätter, die sie an einen sanften Bachlauf erinnerte.
„Großvater, euer…“, eröffnete sie, wurde aber mit einer wischenden Handbewegung im Satz unterbrochen. Zwei letzte Pinselschwünge beendeten sein Werk. Erst jetzt erhob er sich und setzte sich zu Yui, um die Teezeremonie zu vollziehen. Nach einer endlos wirkenden Spanne der Stille nahm das Mädchen erneut ihren Mut zusammen.
„Ich möchte zum Schloss gehen Großvater.“, brachte sie fester Stimme hervor.
„Um was zu tun?“, brummte er gleichgültig.
„Ich will das Ungeheuer bezwingen und Vater rächen.“
„Kind, was weißt du schon. Ich verstehe deinen Wunsch nach Vergeltung. Aber ich kann dir dass nicht erlauben.“
„Vater hat mich gut ausgebildet. Er hat…“
„Gegen meinen Willen gehandelt!“, donnerte er los. „Ich hatte ihm verboten, dies zu tun. Anstatt sich mit dir abzumühen, hätte er sich lieber einen anderen Schüler oder eine neue Frau nehmen sollen, um einen Sohn zu zeugen, nachdem deine Mutter dein Leben mit dem ihren bezahlt hat.“ Seine Worte schmerzten wie Peitschenhiebe.

Ihr Vater war streng und bestrafte sie bei Versagen hart. Es diente, ihre Disziplin zu steigern und ihr die Konsequenzen vor Augen zu führen, dass eine Niederlage in einer Mission ebenfalls gnadenlos enden würde.
Anfangs hatte sie das Verhalten ihres Vaters tief verletzt, sie empfand, als wäre sie Unrat. Doch mit der Zeit änderte sich etwas. Mit jeder Strafe, Zurechtweisung und Verhöhnung wurde sie nach und nach immer zorniger.
In ihr reifte zunehmend der Wunsch, dem alten Mann zu beweisen, dass sie zu mehr fähig war, als nur das Haus zu säubern und Tee zu kochen.
„Männer wie wir…..“, trug sie die ersten der über Jahre einstudierten Zeilen vor, als eine schallende Ohrfeige sie von den Füßen holte.
„Wage es nicht noch einmal, diesen Vers von dir zu geben. Du bist es nicht würdig, das von dir zu geben.“, spuckte er verächtlich aus.
„Anders als du hat Vater etwas in mir gesehen.“
„Du warst da. Das war sein Grund, dich zu unterrichten. Aus seiner Sicht war dies der einzige Weg, das Familiengeheimnis weiterzugeben. Jetzt bin ich für dich verantwortlich und ich sage dir, dass dein Unterricht ein für alle mal beendet ist. Ich werde keine weitere Zeit mit dir verschwenden.“
„Ich werde es tun, ob du mir die Erlaubnis gibst oder nicht.“
„Du weißt gar nichts, Kind.“, zischte er gefährlich. „Dein Vater war nicht allein. Ich war in jener Nacht bei ihm und habe das Grauen gesehen. Die Bestie und das, was sie mit den Frauen macht. Was das Monster mit allen seinen Opfern macht. Was er mit deinem Vater gemacht hat. Dein Vater hat viele Menschen getötet. Ganz gleich ob durch Tücke oder durch das Schwert. Aber gegen einen Dämon wie den Oni war seine Klinge nutzlos. Seine Haut war wulstig und zäh wie dickes Leder. Schwertklingen blieben in der Haut einfach stecken wie Splitter in dicker Hornhaut. Pfeile zerbarsten an ihm. Dein Vater hatte nicht den Hauch einer Chance. Ich werde dir nicht erlauben, deinem Wunsch nachzukommen. Du hast die Schwelle übertreten und bist nicht mehr länger ein Kind. Du bist eine Frau. Du ahnst nicht, was dich dort erwartet.“, endete er mit Tränen in den Augen.

Diese Nacht fiel kein Schnee. Nicht eine Wolke versperrte die Sicht auf den hellen Mond und all seine kalt funkelnden Begleiter. Nicht weit entfernt zeichneten sich die geschwungenen Dächer des Schlosses im Mondlicht ab. Die Meinung ihres Großvaters änderte nichts an ihrem Entschluss. Ihre Kleidung war jetzt nicht mehr fleckig und von der harten Arbeit verschwitzt. Stattdessen trug sie ihren schönsten Kimono und war wie eine Geisha geschminkt. Yui hatte sich den erbeuteten Schweif in die eigenen Haare eingeflochten und beerdigte so das alte Bild des Jungen, das sie einst verkörperte. Sie folgte dem Weg den Hügel hinauf und durchschritt das Portal zur Feste. Die riesigen Tore waren aus den Angeln gerissen und lagen in Stücke zerborsten im Innenhof. Dahinter erwartete Yui eine Welt des Grauens. Ihr Großvater hatte nicht übertrieben. Überall hingen die sterblichen Überreste gefallener Helden und Samurai entweder auf Lanzen aufgespießt oder verstreuten sich über den Hof. Ihre Körper waren in Stücke zerteilt und zertrümmert als wären sie einen Berg herabgestürzt. Funkelnder Reif hatte alles überzogen und ließ es im kalten Schein der Sterne gespenstisch schimmern. Sie atmete schwer, schaffte es aber dennoch, nicht bei dem Anblick panisch Reißaus zu nehmen. Sie zwang sich zur Ruhe. Ihre Brust hob und senkte sich im steten Rhythmus. Solange, bis sie wieder vollends Herr ihrer Sinne war und folgte den Pfaden und dunklen Fluren durch das Schloss, bis sie endlich ihr Ziel erreichte. Der Thronsaal war nur spärlich mit Feuerschalen ausgeleuchtet, zeigte aber genug, um das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Überall in dem ausladenden Raum lagen die entführten Mädchen. Sie alle trugen aufwendige Halskrausen, deren Ketten in das dunkle Zentrum der Halle verliefen.
„Seht meine Kinder“, hallte eine tiefe Stimme durch den Saal. „Wir haben Besuch. Komm zu mir mein Liebchen, komm zu uns.“ Ihr Herz schlug, als beabsichtigte es, ihr aus der Brust springen. Dennoch gehorchte sie wie befohlen, und trat näher. Alles in ihr schrie danach, sich umzudrehen und ihr Glück in der Flucht zu suchen. Vor ihr türmte sich ein Knochenberg auf, auf dem sich eine gehörnte Kreatur im Schatten abzeichnete. Sie war riesig. Der Oni erhob sich von seinem schaurigen Thron und trat in den Schein des Feuers. Er beugte sich zu Yui herab, um sie näher in Augenschein zu nehmen. Seine rote Haut fing das Flackern der Flammen auf, als loderten diese aus seinem Inneren heraus. Fingerlange Hauer ragten aus den wulstigen Lippen und formten mit der Knollnase und den struppigen Augenbrauen eine dämonische Fratze. Seine zotteligen Haare trotzten jeglicher Schwerkraft und schwebten in der Luft, als befände er sich unter Wasser.
„Hast du dich verirrt meine Schöne?“, fragte der Oni in gespielt besorgten Ton. „Dieser Tage ist das Reisen sehr gefährlich. Man weiß nie, auf wen man trifft.“
„Ich wusste genau, wohin mich mein Weg führen sollte und ich habe genau jenen getroffen, den ich erhofft hatte, zu finden.“, antwortete Yui wahrheitsgemäß und kniete sich vor dem Dämon mit gesenktem Haupt nieder.
„Was will ein solch schönes, junges Mädchen wie du von jemanden wie mir?“
„Ich habe das Kindesalter hinter mir gelassen und bin zu einer Frau gereift. Ich will mir das Schicksal, von euch entführt zu werden ersparen und bin stattdessen selbst zu euch gekommen.“
„Du gibst dich mir hin?“, fragte er belustigt. „Ich brauche deine Almosen nicht, ich nehme mir seit jeher was ich will.“, brach er in donnerndes Gelächter aus. „Aber da du schon einmal hier bist….“, ließ er den Satz unbeendet und öffnete mit einer seiner Klauen den Gürtel ihres Kimonos. Zärtlich zog er Yui den Kimono von ihrer rechten Schulter. Verdutzt sah er, dass sie nicht wie erwartet unter ihrem Kleid nackt war, sondern ein schwarzes Gewand zum Vorschein kam. Yuis Zeit war gekommen. Blitzschnell zog sie eine ihrer langen Haarnadeln aus dem Dutt und rammte sie dem Oni mitten in eines seiner goldenen Augen. Das Ungeheuer bäumte sich auf und brüllte seine Schmerzen heraus. Rasch rollte sie sich aus der Reichweite des um sich schlagenden Onis und entledigte sich vollends des Kimonos.
Der Dämon heulte ein letztes Mal auf, als er sich die Nadel aus dem Auge zog und griff nach seiner Keule. Yui ließ ihrerseits ihr langes Messer aus der versteckten Scheide am Rücken gleiten, bereit für das bevorstehende Duell. Der Oni war gezwungen seinen Kopf zu drehen, um sie besser sehen zu können. Die Pupille verengte sich, als er sie fixierte und mit einem markerschütternden Brüllen auf sie losging. Sie wich dem ersten Keulenhieb aus, der eine mannsdicke Säule zersplittern ließ als wäre sie nicht mehr als ein Zahnstocher. Dem nächsten Hieb entkam sie mit einem gesprungenen Rad aus. Der Einschlag war so hart, dass ein Zittern durch die Feste fuhr und Staub von der Decke rieselte. Der Oni wurde immer wütender. Da dem Ungeheuer die räumliche Wahrnehmung fehlte, wich Yui mühelos jedem Einzelnen seiner Hiebe aus. Dennoch blieb sie achtsam. Seine Stöße zertrümmerten Pfeiler, Statuen oder Türen. Selbst ganze Wände brachen unter der Wucht seiner Schläge in sich zusammen. Sie landete nach einem weiteren Durchbruch in einem der zahlreichen Gärten. Wutentbrannt wurde sie von dem Monster angestarrt. Sie hatte ihn soweit getrieben, dass er wie ein wütender Bulle schnaubte. Erneut rollte er wie eine Lawine auf sie zu und schwang seine Waffe. Doch anstatt auszuweichen fischte sie nach ihrer zweiten Haarnadel. Sie wartete auf den Moment, an dem die Keule ihren höchsten Punkt erreichte und warf. Schmatzend bohrte sich der Metallspieß in sein anderes Sehwerkzeug. Der Riese brach jaulend vor ihr auf die Knie. Sein Blut benetzte die unberührte Schneedecke zu seinen Füßen. Er tastete abwechselnd nach seinen Augen und schlug blind um sich. Yuis Sinne schärften sich, als sie ihr Ziel ein letztes Mal fokussierte. Sie rollte unter einem Hieb hindurch und kam unmittelbar vor dem Oni wieder zum Stehen. Blitzschnell stieß sie ihr Tanto erneut in den Augapfel. Tief glitt die Klinge in den Schädel und beendete endgültig den Fluch ihrer Heimat.

Mitsurogi widmete sich wie gewohnt der Kalligraphie. Er war im Einklang mit sich und der Welt. Er hatte sich treiben lassen und betrachtete das Zeichen für Bestimmung vor sich. Zufrieden nickte er und goss sich einen Schluck Sake aus der Karaffe ein. Ein Windhauch zog durch den Raum. Er stoppte seine Bewegung und stellte die gefüllte Trinkschale ab.
„Du bist wieder zurück, Enkelin?“, fragte er schroff, ohne sich ihr zuzuwenden.
„Das bin ich. Aber nicht mit leeren Händen.“, kam die feste Antwort. Er erhob sich und baute sich vor Yui auf. Aus ihrer Innentasche fischte sie einen blutgetränkten Umschlag heraus und legte ihn betont langsam vor sich ab. Mitsurogi kniete nieder und nickte zufrieden, als er die Augen des Onis in den eingeschlagenen Tüchern fand.
„Du hast mich nicht entäuscht, Enkelin. Hiermit hast du deine Prüfung bestanden.“, offenbarte er ihr. „Es steht dir nun nichts mehr im Weg. Du bist jetzt würdig, die Tracht unserer Familie zu tragen. Die Tracht der Ninja. Sprich mir nach.“, forderte er sie auf und sprach wie Yui am Vortag zuvor.
„Männer wie wir…“
„Jene wie wir.“, unterbrach sie diesmal ihren Großvater ohne den Blick von den Matten unter sich abzuwenden. „Schon vergessen? Ich bin kein Mann.“
„Jene wie wir.“ Korrigierte er sich. „fürchten nicht die Nacht…..“