Stichwort Meister

Hundertfach wurde der Knall der Peitsche von den Wänden des Gemäuers zurückgeworfen. Kaum war das Echo verklungen, schwang der lederne Schweif erneut durch die Luft und sauste sirrend auf sie nieder. Immer und immer wieder. Jeder Treffer schnitt ihr tiefer ins Fleisch als der vorherige und ließ sie krampfend an den Fesseln zerren. Zum Weinen oder Schluchzen hatte sie nicht mehr die Kraft. Erst nach einem harten Schlag entrang sich ihrer Kehle ein Röcheln und bestätigte dem Henker ihre geistige Anwesenheit.

Sie hing kopfüber von der Decke. Arme und Beine mit Riemen fixiert. Ihr Körper war mittlerweile schwer von ihrem Martyrium gezeichnet. Das Blut lief ihr in Strömen aus den Wunden, über den Leib und das Gesicht. An jenen Stellen, die bislang von der Peitsche unversehrt blieben, zeigten Schwellungen und bläuliche Verfärbungen die Erfolge des Mobs, als man sie am Pranger durch die Straßen geführt hatte.

Frustriert warf der Folterknecht die Geißel durch den Raum und stützte sich schwer atmend auf seine Knie. Mit keuchenden Atemzügen füllte er seine Lungen, bevor er sich schwerfällig aufrichtete. Er wischte sich mit dem Ärmel über die schweißbedeckte Stirn und stemmt sich die Hände in die Hüften. „Zwei Tage.“, gab er außer Atem von sich. „Seit nun schon zwei verdammten Tagen prügle ich dir die Seele aus dem Leib. Dennoch willst du nicht gestehen.“ Langsamen Schrittes kam er auf sie zu und hieb ihr die geballte Faust ins Gesicht.

Schmerzen explodierten in ihrem Verstand als die Nase brach und ihr Sichtfeld verschwamm. „Bisher habe ich noch jede Metze zum Sprechen gebracht. Wer hätte gedacht, dass ein so zierliches Ding wie du imstande ist, ein solches Leid über sich ergehen zu lassen.

Dennoch werde ich es nicht zulassen, dass ausgerechnet du meine erste Niederlage sein wirst.“, prophezeite er ihr mit hassverzerrter Miene und packte sie hart am Kinn. Er überstreckte ihren Nacken und zwang sie, in sein feistes Antlitz zu sehen. Er ballte erneut die Faust, als ihn ein hämmerndes Klopfen innehalten ließ. „Wer ist da?“, rief er schroff ohne den Blick von ihr zu lassen. Doch anstatt einer Antwort erklang zum wiederholten Mal das Trommeln. Achtlos entließ er sie aus seinem Griff und schickte sich, dem Störenfried seine Meinung zu geigen. Ungehalten riss er die dicke Eichentür auf und war im Begriff, seine Schimpftirade anzustimmen, als er wie vom Blitz getroffen erstarrte. Der Henker straffte sich und wich ein paar Schritte zurück. „Verzeiht mir. Ich, ich.“, stotterte er um Fassung ringend und vollführte eine tiefe Verbeugung. „Bitte verzeiht mir mein ungebührliches Verhalten, euer Hochwürden.“, endete er und machte dem Neuankömmling Platz. Ein hochgewachsener Mann in karmesinfarbener Robe und mit grau meliertem Haar betrat die Folterkammer. Einen Augenblick blieb der Fremde vor dem knienden Henker stehen und besah ihn einen Moment lang mit herablassendem Blick. „Sag mir mein Sohn, wie ist dein Name?“

„Tadäus, Herr.“, beeilte sich der Scharfrichter kleinlaut. „Mein Name ist Tadäus. Ich wusste nicht, dass ihr beabsichtigt hattet, selbst die Geschehnisse unserer Stadt zu begutachten.“

„Tröste dich Tadäus. Das wissen nur jene, die wichtig genug sind. Aber wie du dir sicherlich denken kannst bin ich nicht deinetwegen gekommen.“

„Sicher doch, Herr.“ Mit diesen Worten ließ er von dem kauernden Mann ab und wandte sich ihr zu. Auf jede Einzelne seiner Bewegungen bedacht kam er näher und blieb nur eine Armlänge vor ihr stehen. Er zog einen Schemel heran und setzte sich darauf nieder, um auf einer Höhe mit ihr zu sein. „Hallo mein Kind.“, eröffnete er in angenehmen Ton. „Weißt du wer ich bin?“

„Nein.“, brachte sie kaum mehr als im Flüsterton hervor. „Ich bin Ansgar Brechthofen. Großinquisitor Ansgar Brechthofen. Abgesandeter des Erzbischofs und vom Papst höchst persönlich geweiht, um den Willen Gottes zu vertreten und wenn es sein muss, um sein richtendes Schwert zu verkörpern. Ich bin deinetwegen gekommen, Elena, Elena von Wennehain.“

„Ganz recht ich weiß genau, wer du bist.“, fuhr er fort, als sie zitternd den Kopf hob um ihm direkt anzusehen. „Und du kannst mir glauben, dass ich mich bereits sehr

auf unsere bevorstehende Zeit freue.“

„Tadäus?“, wandte er sich wieder an den Henker. „Ich reise mit schwerem Gepäck.

Warum bist du nicht so gütig und gehst meinen Novizen beim Tragen zur Hand?“

„Gewiss, euer Hochwürden.“, beeilte sich der feiste Mann und kam augenblicklich der Aufforderung nach. Kaum waren seine Schritte verhallt, widmete sich der Inquisitor gütig lächelnd wieder Elena. „Du weißt, was man dir vorwirft, mein Kind?“, erkundigte er sich rhetorisch, während er sich die Handschuhe auszog und beiseitelegte.

„Ketzerei.“, antwortete sie heiser.

„Ganz recht. Ich untersuche Beschuldigungen dieser Art schon sehr lange.“ Er machte eine Pause und zog einen Eimer mit Wasser zu sich. Er fischte ein Tuch aus dem Kübel und wrang es aus, bevor er fortfuhr. „In meiner Zeit als Inquisitor habe ich bereits weit mehr als zweihundert Urteile gefällt. Und heute, mein Kind,

heute werde ich eines über dich fällen.“

Elena vermochte es nicht, das zu verhindern. Verzweiflung brandete über sie hinweg und brachte sie zum Schluchzen. Vollkommen von ihrem Gefühlsausbruch unberührt begann er, ein paar ihrer Wunden mit dem Tuch abzutupfen. Erst als sie sich wieder etwas gefangen hatte, ließ er den Lappen zurück in den Eimer fallen und betrachtete sie eingehend.

„Was ist mit meinen Eltern geschehen?“, traute sie sich zögerlich zu fragen.

„Als der Mob euer Anwesen stürmte, hatten die Leibwächter deines Vaters der aufgebrachten Menge nur wenig entgegenzusetzen. Ihn zerrte man aus dem Haus und räderte ihn noch auf dem Marktplatz. Deine Mutter trieb man mit Stöcken und Gerten durch die Straßen, bis die ersten begannen, mit Steinen zu werfen.

Danach ging alles ganz schnell. Letzten Endes wurde sie zu Tode gesteinigt.“, berichtete er so beiläufig und entfernte ein Haar von seiner Robe.

„Was wird aus mir?“ „Weißt du Elena, das liegt einzig und allein bei dir. Ich werde dich foltern. Dir schreckliche Schmerzen zufügen. Solange, bis du gestehst, was auch immer du getan hast und mich anbettelst, dich endlich von deinem Elend zu erlösen. Wenn ich ehrlich bin wäre es mir eine Freude, noch einmal aus deinem Mund zu hören, was genau man dir vorwirft.“

„Ketzerei.“, wiederholte sie mit bebenden Lippen.

„Nein, genauer.“, tadelte er sie mit erhobener Stimme. „Ich will es wissen. Alles. Ich will, dass du mir sagst, weshalb man in dein Haus kam, deine Eltern lynchte, eure Dienstmagd auf dem Scheiterhaufen verbrannte und ich nun vor dir stehe.“

„Estrelle ist auch tot?“, horchte sie auf.

„Ganz recht. Leider war es mir nicht mehr vergönnt, sie selbst zu vernehmen. Also muss ich jetzt mit ihrer Schülerin vorlieb nehmen.“, säuselte er seine letzten Worte.

„Bitte.“, begehrte sie auf. „Ich bin unschuldig. Ich habe nichts dergleichen getan.

Ich…“

„Also enspricht es nicht der Wahrheit?“, unterbrach er sie mit fester Stimme. „Dass du im Bunde mit dem Teufel bist und dich unter Anleitung Estrelles den schwarzen Künsten hingegeben hast?! Also stimmt es nicht, dass du dabei gesehen wurdest, wie du dich mit den Tieren aus euren Stallungen unterhalten hast?! Also ist es nur üble Nachrede, dass du die Geschicke eines Konkurrenten deines Vaters verhext haben sollst, um den Geldsegen eures Hauses zu verstärken! Und ist es nichts als

ein Hirngespinst, dass Estrelle und du jungfräuliche Frauen verschleppt und ermordet habt?! Sie zerstückelt und aus ihrem Mark Tränke gekocht habt, die euch übernatürliche Kräfte verlieh?!“

„Ich bin unschuldig!“, kreischte sie, mit sich überschlagender Stimme.

Der Erste der Schüler trat ein. Im Gegensatz zu seinem Herrn trug er eine schlichte Robe, während sein Haupt von einer Tonsur geziert wurde. Keuchend hob der Jüngling eine eingerollte Tasche von der Schulter und wuchtete sie auf einen Tisch.

Zwischenzeitig der Diener des Inquisitors die Rolle ausbreitete, wurde vom Henker und weiteren Novizen ein fast zwei Schritt hoher Gegenstand hereingetragen. Ein schweres Tuch aus rotem Stoff verhüllte das darunter liegende Gebilde. Ansgar trat an den Tisch und inspizierte die einzelnen Instrumente. Seine Finger glitten über dornenbesetzte Halskrausen, aufspreizbare Birnen oder Schraubwerkzeuge jeglicher Art. Er ließ von den Werkzeugen ab und sah wieder zu Elena. „Ich habe in den Jahren vieles gesehen. Die Pain, die so manch einer zu ertragen fähig ist, ist geradezu beeindruckend. Manchmal dauert es Tage. Manchmal sogar Wochen. Doch letzten Endes zerbricht irgendwann jeder Widerstand. Das hier ist alles äußerst nützlich aber ebenso primitiv. Tatsächlich bevorzuge ich eine andere Art von Werkzeug, um zu bekommen was ich verlange.“ Er drehte sich zu seinen Begleitern um und nickte ihnen einmal knapp zu. Langsam zogen sie den Stoff von dem hohen Gegenstand herab und offenbarten etwas, das wie ein Sarg mit menschlichen Zügen aussah. Das Gesicht, das den Sarkophag zierte, war zu einer grimmigen Grimasse verzogen. Zwei der Novizen öffneten die Verschlüsse an den Seiten und klappten den schweren Deckel auf. Blanke Panik ergriff von Elenas Geist Besitz, als sie die fingerlangen Dornen sah, die dutzendfach im Inneren angebracht waren.

„Sieh sie dir an.“, deutete er mit offener Hand auf das Gebilde. „Die eiserne Jungfrau. Wunderschön und entsetzlich zugleich. Für gewöhnlich reicht es den Angeklagten, dieses Ungeheuer nur aufzustellen. Der bloße Anblick allein trieb die meisten bereits in den Wahnsinn. Es ist ein wahrer Genuss, zuzusehen wie sie daran zerbrechen. Aber du, Kind, du wirst ihre innige Umarmung spüren. Du wirst so lange in ihr verweilen, bist du dir wünscht, niemals geboren worden zu sein.“ Er nickte dem Henker zu, der sofort zur Tat schritt und Elena von der Decke herabließ. Kaum hatte sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen, wurde sie von den kräftigen Händen der Novizen ergriffen und zur eisernen Jungfrau geführt. Das Folterinstrument wurde immer größer. Formte sich in ihrem Verstand zu einem Ungeheuer mit aufgerissenem Maul, dass sie zu verschlingen drohte. Doch plötzlich wich ihre Angst einer kalten Entschlossenheit. Sie hatte sich seit jeher vor Estrelles Lehren gefürchtet, sich vor ihren Worten verschlossen. Jetzt sprudelten sie heraus. Sie formte Worte der Macht. Mit jeder Silbe, wuchs ihre Stärke weiter an, bis sie mit einem markerschütternden Schrei ihre gesammelten Kräfte entlud. Der Raum um sie herum wurde schlagartig dunkler. Drei Silben erweckten violette Schlieren aus ihren Fingern zum Leben, die sich um die zwei Novizen wickelten. Der Schein verstärkte sich und augenblicklich vertrockneten die beiden und zerfielen zu Asche, während ihre Lebenskraft auf Elena überging. Mit einem Fingerzeig flog der letzte der Schüler statt ihrer in die eiserne Jungfrau. Der Schrei des jungen Mannes erstarb blitzartig, als der Deckel mit Schwung zu krachte. Ihr Blick fiel auf den Henker. Er versuchte daraufhin, sein Glück in der Flucht zu suchen, doch bevor er die rettende Tür erreichte, formte Elene mit ihren Fingern ein kompliziertes Muster. Der Mann brüllte schmerzverzerrt auf. Lautes Knacken und Knirschen erklang, als seine Knochen unter dem Druck ihres Spruches brachen. Er verkrümmte sich und blieb unnatürlich verdreht und verformt liegen. Zu guter Letzt widmete sie sich dem Inquisitor. Doch anstelle einer Flucht stand er nur da und sah sie mit festem Blick an. Erneut sammelte sie ihre Kräfte. Sie wollte seinen Verstand zerstören. Er sollte künftig wie ein altersschwacher Greis vor sich hinvegetieren bis er letzten Endes verfault. Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen legte der Mann seinen Kopf schief und bedachte sie mit einem forschenden Blick.

„Verwundert? Das kann ich mir vorstellen. Nur Jene, die selbst in den schwarzen Künsten geschult wurden, sind auch in der Lage, ihnen zu wiederstehen. Estrelle hat dich einiges gelehrt. Dennoch, hast du nicht einmal im Ansatz begriffen, zu was du fähig bist. Komm mit mir und ich werde dich lehren, was es heißt, eine mächtige Hexe zu sein.“

„Warum dann dass alles hier?“

„Es gilt die Spreu vom Weizen zu trennen, mein Kind. Nahezu alle Vorfälle zu denen ich bisher gelangte, erwiesen sich als Enttäuschung. Und jene wenigen, die das Potenzial in sich hatten waren zu schwach, um die erlernten Künste wirkungsvoll einzusetzen. Aber du Elena, du hast bewiesen zu was du fähig bist. Wirst du mir folgen?“

„Wie ihr befiehlt Hochwürden.“

„Nein, von heute an wirst du mich Meister nennen.“