Stichwort Geweih

Dichte Schlieren aus Rauch trieben durch die niedrige Hütte und schwängerten die Luft mit dem Geruch aus verbrannten Kräutern und Gewürzen. Tierfelle bedeckten nahtlos den Boden und präpariertes Getier baumelte von der Decke. Allmählich wurde ihm vom Räucherwerk schwindlig. Ein tiefer Schluck aus dem Wasserschlauch barg die Hoffnung, den überladenen Geschmack in seinem Rachen hinfort zu spülen und seine Sinne wieder etwas klären. Aber dieser Wunsch erstarb ebenso schnell, wie er aufgekommen war. Mit verzogenem Gesicht verkorkte er seinen Schlauch und richtete sich an die zweite Person in der Hütte.
„Was ist nun, Weib?“, knurrte er grimmig. „Hör auf, meine Zeit zu verschwenden. Du sagtest du wüsstest wer nach mir geschickt hat. Also spuck es endlich aus, du alte Vettel.“
Es dauerte eine Zeit, bis diese reagierte. Sie war alt, wesentlich älter als die anderen Frauen, die er kannte. Dennoch haftete ihr trotz ihres gebrechlichen Äußeren eine Aura der Stärke an. Als wäre sie erstarrt, einer Statue gleich, musterte sie ihn eine Zeitlang. In ihren Augen spiegelten sich die Flammen des Feuers, vor dem sie kniete. Dessen Schein auf ihrem Gesicht tänzelte unheimlich. Kurz bevor er seine Geduld verlor, erwachte das Weib endlich wieder zum Leben. Ohne ihn aus dem Blick zu lassen, senkte sie sich langsam auf alle viere und umkreiste ihn wie ein Raubtier, das nach einer Schwachstelle suchte.
„Weißt du eigentlich, wer ich bin, du alte Hexe?“, spuckte er verächtlich aus.
Kaum vollendete er seinen Satz, kam sie an ihrem Lager an und kramte einen Beutel hervor. Einen kurzen Moment wog sie das Säckchen in ihrer Hand, bevor sie es ihm vor die Füße warf.
„Ich weiß genau wer du bist, Krieger.“, krächzte sie mit kränklicher Stimme und deutete mit ihrem dürren Zeigefinger auf ihn. „Denn ich bin diejenige, die nach dir gesandt hat, Eirik Olafsson, Eirik Risentod. Ich habe die Geschichten von deinen Bärenkräften gehört. Ich habe von den Männern gehört, die du zu ihren Göttern gesandt hast. Von den sechs Riesen habe ich gehört, die du erschlagen hast. Ich habe auch gehört, dass du einst blond warst und dein Haar erst nach einem Bad im Riesenblut kupfern wurde.“
„Genau, und sobald die Hybris Einzug hält, lodern allesverzehrende Feuerlohen aus meinem Hintern.“, spottete er herablassend. „Was willst du von mir, Weib? Um meine Taten besingen zu lassen, hätte ich mich nicht hierher mühen müssen“, erkundigte er sich wesentlich versöhnlicher und inspizierte die Edelsteine in dem Beutel.
„Es ist eure Stärke, die ich brauche. Euer Geschick im Kampf, euer Schwert.“, säuselte sie und wischte sich eine ihrer widerspenstigen Strähnen aus dem Gesicht.
„Hört endlich auf, meine Zeit zu vergeuden.“, zischte er und beugte sich weiter zu ihr herab. „Sprecht endlich, Weib. Von welcher Plage soll ich diesen Ort befreien?“
„Es ist ein altes Unheil ohne Namen.“
„Ohne Namen?“, unterbrach er sie auflachend. „Ist es so unbedeutend dass man ihm noch nicht einmal einen Namen gab?“
„Es trägt keinen Namen weil es älter ist als jede Sprache und es niemanden gibt der davon berichten kann.“
„Woher hast du dann all dein Wissen?“
„Ich weiß vieles, das andere nicht wissen und beherrsche einiges, zu dem andere niemals fähig sein werden.“
„Ihr seid also wirklich eine Hexe.“, stellte er mit erhobenen Augenbrauen fest.
„Es ist unerheblich, was ich bin. Viel wichtiger ist, was ihr sein werdet.“
„Lieder, die zu meiner Ehren in Schankhallen gegrölt werden, gibt es schon zu Genüge. Also lasst euch was besseres einfallen, als an mein Heldentum zu appellieren.“, winkte er ab und fuhr ein weiteres Mal mit seinem Zeigefinger durch die Juwelen im Beutel.
„Reichtum, wie ihr es euch nicht einmal in euren kühnsten Träumen vorstellen könnt. Der Thron eines Königreiches wartet, dass ihr euch darauf niederlasst. König Eirik. Unbesiegbarkeit. Eirik, der Unbeugsame. Eirk, der Unbezwingbare. Eirik der Unsterbliche.“
„Unsterblich?“, horchte Eirik auf.
„Euer Gegner trägt das Geweih der Macht, das goldene Geweih. Ein Quell von solcher Macht, dass es unendliches Leben verleiht.“
„Sei es drum. Aber was ist mit euch? Was habt ihr davon, wenn ich euch helfe?“
„Ich hatte eine Übereinkunft mit dem Herrn dieses Reiches. Dieser Handel ist erloschen. Es wird Zeit, lose Enden neu zu verknüpfen. Ihr, Eirik Olafsson, ihr werdet vollbringen, woran so viele zuvor gescheitert sind. Also, Eirik der Unsterbliche, sind wir uns einig?“
„Eirik, der Unsterbliche.“, echote der Krieger zustimmend.

Wie weit Eirik bereits unter der Erde war, vermochte er nicht mehr zu sagen. Immer tiefer führte ihn das Labyrinth der Höhlen hinab in die Dunkelheit. Vorbei an den Wurzeln der Bäume, die in dichtem Gestrüpp durch die Höhlendecke wucherten und durch Kavernen mit riesigen Seen. An Decken und Wänden glänzten Edelsteine in Hülle und Fülle im Schein seiner Fackel. Er durchquerte wahre Wälder aus Stalagmiten und Stalaktiten oder staunte über ausufernde Teppiche mit Moos, die das Gewölbe in bläuliches Licht tünchten. Einzig das Feuer in seiner Hand bewahrte ihn davor, sich in dem vermeintlichen Wunderland zu verlieren. Sie zeigte ihm die Wahrheit. Nackter und zerklüfteter Fels. Flechten und Moose, die die sterblichen Überreste Gefallener überwucherten. Fettpflanzen wuchsen zwischen Knochen, Rüstungen und Klingen zahlloser Toter. Eirik war es leid, weiter zu suchen. Er war nie ein Freund von zu langem Warten. Es wurde Zeit. Bedacht legte er jene Teile seiner Ausrüstung ab, die ihn für das Bevorstehende nur behindern würde. Er füllte seine Lungen mit Luft und setzte sein Jagdhorn an die Lippen. Tief und anhaltend hallte der Laut, als er donnernd durch die Höhlen fegte. Kaum war das Echo verklungen, kam die Antwort eines langen Brüllens. „Ich bin hier.“, flüsterte er mehr zu sich, bevor er selbst aus vollem Hals losdonnerte. „Ich bin hier!“
Stille kehrte wieder ein. Sein Atem ging stoßweise. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Sein Griff um das Schwertheft wurde immer stärker. Das Leder knirschte ächzend, seine Knöchel traten bleich hervor. Erneut kam eine Antwort an. Ein Grollen, gleich eines heraufziehenden Gewitters. Schwere Schritte. Langsam und unheilvoll. Das Echo verfälschte alles und ließ sämtliche Bemühungen im Sand verlaufen, die Entfernung zu seinem Gegner schätzen zu können. So wurde der Zeitraum zwischen jedem einzelnen der bedrohlichen Echos zu einer Zerreißprobe für seine Willenskraft. Immer lauter wurde der Takt, bis sich eine Gestalt in den ausladenden Wald aus hängenden und stehenden Tropfstein schob.
Größer als ein Bär. Größer als jedes Tier, das er jemals zu Gesicht bekommen hatte. Aufrecht laufend, mit einem langen Schwanz und gespaltenen Hufen. Muskelbepackte Arme und klauenbesetzen Händen. Sein Löwenschädel zierte jenes imposante Hirschgeweih, vor dem ihn die Hexe gewarnt hatte. Die goldenen Augen fixierten Eirik, während der Reptilienschwanz wie der einer streitlustigen Katze umher peitschte.
„Ich rieche Schweiß, Metall und Waffenöl.“, knurrte die Bestie und schüttelte den Kopf und die üppige Mähne, die ihn einrahmte. „Welch tollkühnes Unterfangen treibt euch so tief unter die Erde, Krieger?“
„Erkennst du nicht den Tod, wenn er an deine Pforte klopft, Scheusal?“, entgegnete Eirik voller Grimm.
Das Lachen, das sich dem Mischwesen entrang, brachte Eiriks Brustkorb zum Beben. „Nun denn, tapferer Recke. Mach dich bereit, den Weg zu deinen Ahnen anzutreten.“
Die Höhle erzitterte unter dem Brüllen des Ungeheuers. Wie eine Lawine rollte das Untier heran und hieb mit der Rückhand nach dem Krieger. Eirik hechtete geistesgegenwärtig beiseite. Statt seiner zermalmte die Bestie eine Reihe der Stalagmiten. Eiriks schweres Langschwert schoss voran. Genau an jene Stelle, an der er das Herz des Monsters vermutete. Aber seine Kraft reichte nicht aus, um das dicke Fell zu durchdringen. Eirik unterlief eine ganze Serie von Klauenhieben und Bissen der fingerlangen Reißzähne. Immer wieder suchte sein Schwert nach einer Schwachstelle, aber jedes einzelne Mal vermochte er dem Ungeheuer nicht mehr als einen Kratzer zu zufügen.
Schwer ging sein Atem und kurz vor dem Verzagen stand Eiriks Wille, als er eine letzte List ersann. Anstatt sich dem Mischwesen zu stellen, lief er mitten in das unübersichtliche Feld der Tropfsteingebilde. Das Biest schnaubte verächtlich und setzte ihm nach. Wie ein gehetztes Wild schlug er Haken und nahm dem Wesen in seinem Nacken jede Gelegenheit, ihn zu reißen. Mit jedem Hieb seiner Klauen oder dem Schwanz stürzten mehr der Stalagmiten und Stalaktiten ein und verwandelten den Schauplatz in ein ungeordnetes Feld aus wallendem Staubmaßen und holprigen Trümmerstücken. Mit jedem gefällten Kalkstein schwand der feste Stand seiner Hufen. Erneut holte das Biest mit dem Schwanz aus, geriet dieses Mal aber ins Straucheln und stürzte sogar der Länge nach. Der Krieger eilte herbei und in jenem Moment, in dem sich das Ungeheuer wieder in die Höhe zu stemmen beabsichtigte, war Eirik über ihr. Er legte all seine Kraft und jede Unze seines Gewichtes in den Stoß und trieb sein Schwert tief in den Nacken des Ungetüms. Ein letzter Seufzer entfuhr der Bestie und erzeugte eine große Verwirbelung der Staubwolken. Der Lebensfaden war durchtrennt, die Kreatur besiegt. Eirik glitt von ihr herab und blieb schwer atmend liegend. Doch zur Ruhe kam er nicht. Licht drang aus dem Kadaver, bis es so hell wurde wie eine zweite Sonne. Als die tanzenden Flecken in seinem Sichtfeld wieder verschwanden, war von dem Mischwesen nichts mehr geblieben. Stattdessen ruhten die sterblichen Überreste eines ausgemergelten Greises zu seinen Füßen. Aber für ihn hatte er keinen Blick. Stattdessen galt sein Augenmerk dem prächtigen Helm zu seinen Füßen. Besetzt mit dem ausladenden Geweih eines Hirsches. Es schimmerte wie ein glitzernder See im Sonnenaufgang. Ein Helm, eines Herrschers würdig.
„Eirik. Eirik der Eroberer.“ , erklangen säuselnde Stimmen in seinen Gedanken. Trugen seinen Namen an ihn. „Eirik der Unbesiegbare. Eirik der Unsterbliche.“, lockten ihn mit Titeln. Immer weiter vergifteten die Worte seinen Geist. Sein Herzschlag verlangsamte sich und nahm an Intensität zu, bis er nachhallenden Paukenschlägen glich. Ihm wurde schwindelig. In seinem Kopf herrschte ein Kanon des Wahnsinns. Sein Schweiß durchnässte seine Gewänder. Mit jeder Silbe schwand sein Wille. Ehe er sich versah, griffen seine Hände nach dem Helm. Sie hoben ihn über sich und letzten Endes senkten sie sich auf sein Haupt. Einem Blitzschlag gleich durchfuhr ihn Licht und Schmerz. Knochen brachen und knirschten. Verformten sich und setzten sich wieder neu zusammen. Muskelberge türmten sich immer weiter auf, bis die Haut kurz vor dem Platzen war. Er brüllte seine Qualen heraus und brachte die Höhlen zum Erzittern. Als das Leiden endlich nachließ, war Eirik zu genau jenem Untier geworden, gegen das er ausgezogen war.
„Eirik der Unsterbliche.“, erklang die Stimme der Hexe hinter ihm.
„Was hast du mit mir gemacht, du Metze?“, brüllte er aus vollem Hals.
„Das, wonach du strebtest. Du bist stärker, als du es jemals warst. Dieser Ort birgt mehr Schätze, als es irgendein König jemals besitzen wird. Du wirst von nun an der herrscher dieses Reiches sein. Und du, Eirik, du bist von nun an unsterblich.“, prophezeite sie ihm strahlend.
„Warum hast du mir das angetan?“, donnerte er los, schwer um seine Fassung bemüht.
„Du erinnerst dich, was ich über die Übereinkunft sagte? Auch er war einst ein mächtiger Krieger. Ebenso wie du folgte er meinem Ruf. Siebenhundert Sommer kämpfte er für mich. Mit jedem Leben, das er für mich nahm, nährte er unsere Kräfte. Er schenkte uns damit ewiges Leben.“, mit diesen Worten veränderte sich ihr Äußeres. Ihre kränkliche Gestalt straffte sich. Die Altersflecken verschwanden und das Grau ihrer strohigen Haare wich einem satten Schwarz. „Solltest du dich aber jemals weigern“, setzte sie nach, „werde ich mich weiterhin von deiner Stärke nähren. Dein Vorgänger hatte sich die letzten fünfzig Sommer geweigert, Leben zu nehmen. Also bedurfte es einen neuen Verbündeten. Von nun an werdet ihr bis ans Ende eurer Zeit in eurem eigenen Königreich verweilen. Auf ewig gebunden. Mächtiger als jemals zuvor. Und vor allem unsterblich.“