Stichwort Vulkan

Tränen aus heißer Wut rannen ihr über die Wangen. Immer wieder hieb sie mit ihrem Stock nach großen Blättern oder dünnen Zweigen, als würde sie imaginäre Gegner enthaupten. Erneut hatten die anderen auf Leilani herumgehackt und hatten sie aufgezogen. Aufs Neue hatte ihr niemand geglaubt, als sie von ihren Erlebnissen berichtete. Alle setzten ihre Erzählungen als Hirngespinste eines Kindes herab und verspotteten sie. Mittlerweile brauchte sie nur einen Saal zu betreten, um die Gerüchteküche zum Brodeln zu bringen. Nur der unheimliche Stammesschamane äußerte sie nie über die Geschichten, die sie von sich gab. Stattdessen musterte er sie stets mit seltsamen Blick, als würde er auf etwas warten. Überhaupt erschien ihr der alte Mann immer schon geheimnisvoll. Die Art, sich nur zu äußern wenn jemand es direkt einforderte oder bei Versammlungen ausschließlich nur am Rand zu sitzen und die Anwesenden mit seinem einschüchternden Blick zu beobachten, bereitete ihr großes Unbehagen. Jedes Mal aufs Neue schrie alles in ihr, die Flucht anzutreten, sobald er auf der Bildfläche erschien.
Ein letzter Hieb ließ sie aus dem Dickicht hervorbrechen und an jenen Ort gelangen, der ihr in diesen Momenten stets als Rückzugsort diente. Der Regenwald lag hinter ihr und das satte Grün war dem endlosen Ozean gewichen, der sich vor ihr auftat. Inmitten einer von Felsen geschützten Bucht und fernab aller Probleme, die sie immerfort mit den anderen Inselbewohnern hatte. Mit geschlossenen Augen gruben sich ihre Zehen in den Sand, als wären sie Wurzeln eines schnell wachsenden Baumes. Sie füllte ihre Lungen in tiefen Zügen mit der Luft, die zusammen mit den Wellen herangetragen wurde. Mit ausgebreiteten Armen und der Brise in ihren schwarzen Locken versiegten Tränen und Kummer. In diesen Augenblicken fand sie stets die Kraft, alles um sie herum auszublenden und Ihre Sorgen wie eine zweite Haut abzuschälen. In diesen Momenten spürte sie sich mit ihrer Umwelt verbunden und tief verwurzelt.
Schlagartig wurde sie sich bewusst, dass sie nicht mehr alleine war. Leilani öffnete die Augen und sah sich um. Obwohl die Welt um sie herum dieselbe war erschienen sie wieder. Jene Wesen, die sie immer weiter von den Menschen wegzutreiben schienen. Sie waren so zahl- und artenreich wie die Tierwelt der Insel selbst. Hüfthohe Berge aus Kokosnüssen mit paddelartigen Beinen und einem eher zu klein geratenen Kopf, die an Schildkröten erinnerten. Winzige Wesen, dessen Haut so farbenprächtig waren wie schillernde Schmetterlingsflügel. Kokosnussgroße Felsen mit Bärten und Haaren, die aussahen wie Palmblätter und Gliedmaßen aus Kiesel. Schlangenähnliche Kreaturen aus Blütenblättern. Binnen weniger Herzschläge tauchte sie in diese Märchenwelt ein. Anders als sonst hatte sie das Gefühl, dass sich Blicke in ihren Rücken bohrte.
„Wer ist da?“
Es dauerte einige Momente, bis sich ein dunkler Umriss zwischen den Blättern bewegte. Von der Größe her schien es wie ein Kind.
„Hallo?“, fragte sie diesmal mit erheblich zittriger Stimme.
„Du kannst mich hören?“, erklang die Gegenfrage, während sich die Gestalt ungläubig näherte.
„Wieso auch nicht? Wer bist du und warum zeigst du dich nicht?“
„Weil ich Angst habe, dich zu erschrecken.“
„Hier gibt es so viel Schönes. Warum sollte ich ausgerechnet vor dir Angst haben?“
Dennoch wich sie einen Schritt zurück, als sich der Fremde endlich vollends zeigte. Seine Haut war so dunkel, dass sie das Licht regelrecht zu verschlucken schien. Sie wirkte spröde und verkrustet und erinnerte sie an Holzkohle. Was sie aber verstörte waren die Augen, die wie glühende Kohlen loderten. Als der Junge erkannte, wie Leilani auf ihn reagierte, senkte er sofort wieder seinen Blick.
„Siehst du? Alle haben Angst vor mir. Ich sollte besser gehen.“
„Bitte geh nicht.“, hielt sie ihn auf und ergriff sein Handgelenk, bevor sie verstand, was da eben geschehen war. Als sie merkte, dass Teile der Haut unter ihrer Berührung abblätterte, löste sie sich sofort wieder von ihm.
„Es, es.“, stammelte sie. „Es tut mir leid. Habe ich dir weh getan?“
„Nein.“, entgegnete er bedrückt. „Das passiert ständig.“
„Wer bist du?“
„Mein Name ist Ikiriu und ich bin ein Inselkind.“
„Ich bin auch ein Inselkind.“
„Nein“, entgegnete er lächelnd. „Du bist ein Menschenkind.“
„Was ist der Unterschied?“
„Deine Eltern sind Menschen und meine Mutter ist die Insel.“
„Was bist du?“
„Ich glaube ihr nennt uns Geister.“
Mit einem Schlag kehrte ihr Kummer zurück und trieb ihr das Wasser in die Augen.
„Bin ich die einzige, die euch sehen kann?“
„Nein. Aber es gibt nicht viele, die uns sehen können und noch weniger, die uns auch hören können.“
„Warum?“, wollte sie schniefend wissen.
„Es gibt Orte, an denen die Insel stärker ist als an anderen. Hier können auch weniger Begabte uns sehen. Dann gibt es jene von euch, die ihr meist Seher oder Schamanen nennt. Sie sind stark genug, uns an allen Orten auf der Insel zu sehen. Aber nur wirklich wenige sind etwas Besonderes und können uns auch hören. Und du, Leilani, bist etwas wirklich Besonderes.“
„Das glaube ich dir nicht.“, verneinte sie gegen ihre Tränen weiter ankämpfend. „Das tut niemand. Jeder, dem ich erzählt habe, dass ich euch gesehen habe, lacht mich aus. Selbst meine Eltern glauben mir nicht. Wenn ich ihnen sage, was ich mit euch erlebe, sehe ich ihnen an, dass sie sich für mich schämen. Nein du hast Recht. Ich bin etwas Besonderes. Ich bin ganz allein.“
„Ich sagte doch bereits. Sie sind blind und taub für die Welt der Geister. Aber du bist nicht allein. Jetzt nicht mehr.“, stellte er freundlich lächelnd fest.

Zeit verging und aus der einst zehnjährigen Leilani wurde eine erwachsene Frau. Tag um Tag traf sie sich mit Ikiriu. Sie konnte nicht sagen, ob er mit ihr alterte oder ihr Alter spiegelte. Das änderte allerdings nichts an dem, was er damals zu ihr gesagt hatte. Er hielt Wort und blieb bis zum heutigen Tag an ihrer Seite. Aus ihrer anfänglichen Sympathie hatte sich eine tiefe Freundschaft gefestigt und darüber hinaus. So wie ihr Herz höher schlug, wenn sie sich trafen, sich über alles mögliche unterhielten oder schlicht nur zusammen saßen, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Andere Dinge blieben, wie sie waren. Im Dorf sah man sie nach wie vor als die Träumerin und Märchenerzählerin, die sich in die Wirren ihrer eigenen Fantasie verfangen und den Bezug verloren zu haben schien. Dennoch schaffte sie, daraus einen Nutzen zu ziehen. Niemand interessierte sich für ihre stundenlangen Ausflüge, in denen sie ungestört mit Ikiriu zusammen sein konnte. Er rang ihr das Versprechen ab, keinem von ihm zu erzählen. Sie hielt sich daran, hinterfragte es zwar, aber eine richtige Antwort darauf bekam sie nie. Ikiriu versicherte ihr, dass dies nur zu ihrem Schutz sei. Der alte Schamane aber beobachtete sie weiterhin genau. Immer wieder ertappte sie ihn dabei. Nach wie vor durchdrang sie sein Blick, als wäre ihre Haut gläsern.

Eines Morgens machte sie sich fertig, als ihre Mutter zu ihre Gemächer betrat. Sie wirkte nervös. Wagte es kaum, sie anzusehen. Schließlich atmete sie tief durch und trat näher an Leilani heran.
„Hallo Mutter.“
„Du bist schön geworden.“, lächelte sie ihre Tochter an.
„Danke.“, erwiderte sie nun ebenfalls lächelnd.
„Neunzehn Sommer. Es ist nun neunzehn Sommer her, dass du geboren wurdest, mein Kind. So viel hat sich seitdem verändert. Du hast und auch wir haben seitdem eine Menge überstanden. Dennoch ist die Gemeinde der Überzeugung, dass deine Eigenheit nicht gut sei. Aber es gibt eine Möglichkeit sie zu besänftigen.“
„Besänftigen?“, platzte es aus Leilani heraus und fuhr herum. „Mein Leben lang hat man mich spüren lassen, wie anders ich bin. Ich habe schon lange meinen Frieden mit der Gemeinschaft gemacht. Um was geht es dir hier genau, Mutter? Dass ich akzeptiert werde oder dass ich die Schmach, die auf euch schon so lange lastet, von euch nehme, indem ich mich dem Willen aller anderer unterwerfe?“
„Wir machen uns doch nur Sorgen um dich, Leilani.“, beschwor ihre Mutter. „Wir wollen dir helfen.“
„Mir helfen?“, wo war eure Hilfe, als ich von all den Leuten als Geisteskranke verhöhnt wurde? Oder als mich die Dorfkinder mit ihren Stöcken durch das Dorf getrieben haben? Nein, eure Hilfe brauche ich nicht. Nicht mehr.“
Eine Weile sagte keiner von beiden etwas. Es war wieder Leilanis Mutter, die die Stille durchbrach. „Dein Vater war der Meinung, dass du dein Ansehen aufbessern könntest, wenn du heiraten würdest. Er hat bereits jemanden gefunden, der über gewisse Dinge hinwegsehen würde.“
„So? Würde er das? Wirklich? Mein Ansehen ist mir gleich. Genau genommen sollten alle genau das tun, was sie all die Zeit bislang gemacht haben. Sich nicht weiter um mich scheren. Das bezieht auch dich und Vater mit ein.“
Es war ihr mittlerweile egal, allein zu sein. Sie war schon immer allein. Sie brauchte niemanden. Zumindest keinen der Menschen aus der Gemeinde. Einzig wichtig war für sie Ikiriu. Befreit und losgelöst ließ sie alles zurück, ohne sich umzusehen. Gleich, was die Zukunft bringen sollte.
Kaum hatte sie das Dorf hinter sich gelassen, setzte strömender Regen ein. Blitze zerrissen den Himmel, während der ohrenbetäubenden Donner einen immer wieder aufs Neue zusammenzucken ließ. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Es war ein heftiges Unwetter, wie sie es selten erlebte. Sie kannte die Insel in- und auswendig. Dennoch schützte sie dies nicht vor dem, was das Schicksal für sie parat hielt. Der Untergrund wurde stetig schlüpfriger und als sie immer schneller lief, um zu Ikiriu zu gelangen, stürzte sie. Ihr Fuß verkeilte sich zwischen zwei Steinen. Das Krachen, das ihren Körper durchschüttelte als das Bein brach, schien für einen Moment selbst das wütende Donnern des Gewitters zu übertönen. Die Schmerzen, die über sie hinweg rollten, ließen sie den Mund zu einem stillen Schrei aufreißen. Blut. Für einen Moment war da überall Blut. An ihren Händen, am Bein. Doch als der nächste donnernde Blitz herabfuhr und das Licht den herausragenden Knochen beleuchtete war es um sie geschehen. Alles um sie herum begann sich zu drehen. Bis ihre Umwelt zu einem dichten Strudel verschmolz und ihr Bewusstsein letzten Endes von der heraufziehenden Schwärze wie von einem Raubtier verschluckt wurde.
Starke Hände packten sie. Sie wurde hochgehoben, getragen und vorsichtig gebettet. Doch von all dem bekam sie nur Bruchstücke mit.
„Bitte helft ihr.“, flehte Leilanis Mutter den alten Schamanen an. „Ruft die Geister an, opfert Hühner oder Ziegen oder macht sonst etwas. Nur bitte lasst sie nicht sterben.“
„Die Geister sind mit ihr. Sie sammelten sich stets um sie. Ich sehe viele Zeichen. Doch keines, das den Ausgang dieses Ereignisses voraussagen kann.“, orakelte der alte Mann. „Drei Tage. Es sind nun schon drei Tage, in denen sie ums Überleben kämpft. Drei Tage, an denen der Sturm mit der Sonne um die Oberhand über den Himmel ringt. Er spiegelt ihren Kampf ums Überleben wieder. Ein Kampf des Willens über den Körper. Es ist der Wille der Geister, ob sie die Nacht übersteht, ob sie das Fieber übersteht.“
Mit einem Mal riss der Schamane die Augen auf. Eine Präsenz machte sich in der Medizinhütte breit. Sie war stark. Es fühlte sich an, als würde sich langsam ein Felsbrocken auf ihn rollen. Als er sich umdrehte, sah er ihn. Den schwarzen Dämon. Haut wie spröder Basalt und Augen wie glühende Juwelen, die direkt aus der Hölle zu stammen scheinen. Er stand nur da und starrte auf Leilani. Der Schamane wechselte mit seinem Blick zwischen Leilani und der Gestalt, bis er glaubte, zu verstehen. Er ging zu Leilani und beugte sich über sie.
„Ich wusste schon immer, dass dich die Geister lieben, mein Kind. Heute wird sich entscheiden, wie sehr. Mein Kind, wenn du mich verstehst dann hör gut zu. Es ist jemand gekommen. Jemand sehr mächtiges. Ich glaube er ist wegen dir gekommen. Komm, sieh ihn dir an und sag mir seinen Namen.“
Von weit entfernt erklang eine Stimme. Sie wusste nicht, woher sie kam. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und folgte dem Ruf. Es war, als würde sie nach langem Luftanhalten endlich die befreiende Wasseroberfläche durchbrechen. Nur zögerlich öffnete sie ihre glasigen Augen. Augenblicklich legte sich der Anflug eines Lächelns über ihre Lippen, als sie ihn sah. Doch anstatt das Lächeln zu erwidern, erntete sie ein langsames Kopfschütteln. Sie verstand es nicht. Versuchte es in ihrem Wirrwarr aus Fieberwahn und Wunschdenken zu ordnen. Schließlich gewann ihre Freude, ihn endlich wiedergefunden zu haben.
„IKIRIU.“, sprach sie Silbe für Silbe, bevor ihre Sinne wieder schwanden.
Der Schamane ließ von ihr ab und richtete sich vor ihr auf. Er wandte sich langsam Ikiriu zu, der ihn nur mit zorniger Miene anstarrte. Der alte Mann verbeugte sich und sprach den Namen erneut aus, was auch die Eltern dazu veranlasste, es dem Schamanen gleichzutun.
Ikiriu wusste, was geschehen würde. Dasselbe das immer geschah und er konnte nichts dagegen tun. Hilflos stand er da und sah zu, wie man sie reinigte und in festliche Gewänder hüllte, sie auf eine Trage mit Opfergaben band und sie in einer endlosen Prozession zu seiner Zitadelle trug. Zum Vulkan, dem Herz der Insel. Das Wissen um seinen Namen hatte den Dorfbewohnern offenbart, wer die Auserwählte war, den erzürnten Herrn des Vulkans zu besänftigen. Er hatte dieses Mal ernsthaft gehofft, dass es ein anderes Ende nehmen würde doch leider hatte er sich geirrt. Von überall her kamen die Geister, um seine Trauer zu beklagen und die Dummheit der Menschen zu verpönen. Es war vorüber. Leilani wurde in den Schlund geworfen. Seine Liebe, Leilani, starb, bevor sie die brodelnde Lava erreichte. Für einen Moment schwieg die gesamte Insel. Kein Vogel, kein Geist oder Mensch wagte es, auch nur einen Laut von sich zu geben. Beinahe so als stünden sie ihm zum Zeitpunkt seiner Trauer bei. Aber dieses Mal war es schmerzlicher als sonst. Mit Leilani war noch etwas anderes gestorben, Hoffnung. Ikirius Hoffnung in die Menschen. Ikirius Hoffnung, jemals wieder jemanden wie sie zu finden. Aber vor allem die Hoffnung, jemals wieder Frieden zu finden. Die Menschen hatten ihn wieder um dieses Glück gebracht. Unerträglich für Ikiriu.
Schritt für Schritt stieg er den Schlund des Vulkans hinab, bis er direkt im Zentrum des gewaltigen Magmasees stand. Er kniete nieder und versenkte seine Hände in dem flüssigen Gestein. Er begann, seinen Hass aufzustauen. Rief sich jedes einzelne Gesicht ins Gedächtnis, dessen man ihn beraubt hatte. Rief den Schmerz zurück, der in ihm gewütet hatte, als man ihm jene nahm, die er liebte. Schließlich entlud er all diese Gefühle. Glühende Adern durchzogen seinen Körper und flossen darüber direkt in die Lava. Der anschwellende Schrei, der sich seiner Kehle entrann, zeugte von seinem Leid, seiner Verzweiflung und seiner Wut. Dann explodierte der Vulkan in einer gigantischen Eruption. Binnen Herzschläge überrollte sengendes Geröll und flüssiges Gestein alles Lebendige auf der Insel. Leben von Tausenden vergingen innerhalb weniger Augenblicke. Ihre Schreie erstarben unter der Asche und Ruhe kehrte ein. Niemals wieder würde ein Mensch die Chance bekommen, ihn erneut zu verletzen. Auch wenn dies für Ikiriu bedeuten sollte, in alle Ewigkeit allein zu verweilen.