Stichwort Würfel

Was ich über Würfelspiele weiß?
Naja, es gibt die für Kinder und die, die eindeutig nicht für Kinder sind.
Eines aus der letzteren Kategorie ist schuld an der Misere, in der ich gerade Stecke.
Ach ja, ich heiße Karl. Genaugenommen nenne ich mich so, wie es die jeweilige Situation erfordert. Ich bin das, was man unter Trickbetrüger führen würde. Ich selbst würde es aber eher als Überlebenskünstler bezeichnen.

Doch leider ist es ausgerechnet mein Talent, weshalb ich hier sitze. Bei einer lockeren Runde Kniffel wärme mir im Moment erheblich wohler. Tatsächlich würde ich jedes Mensch-ärgere-Dich-nicht mit einer Horde bockiger Kinder vorziehen. Denn meine Situation ist alles andere als gemütlich.

Ich sitze mit etwa dreißig weiteren dubiosen Gestalten in einer Bruchbude, die sie Werkstatt schimpft. Ich würde es eher als Wellblechverschlag, Schrägstrich Messie Depot, Schrägstrich Hinterhof Organhandelmetzgerei bezeichnen. Kein Witz, zwischen zwei ausgeschlachteten Mittelklassenwägen steht ein Edelstahltisch, der einem an Slasher Horrorfilme erinnert. Was nicht gerade zu meiner Beruhigung beiträgt und meine äußerst lebendige Fantasie sogar weiter beflügelt.

Naja, aber mein eigentliches Problem sitzt am anderen Ende des Raumes und sieht dem Treiben am Spieltisch mit ausdrucksloser Miene zu. Ivan Koloroff, oder Ivan der Schreckliche, wie er auch genannt wird. Vom Typ her würde ich ihn so in die Kategorie Axtmörder einstufen. Mit seinen fast zwei Metern, dem grobschlächtigem Gesicht und seinen breiten Schultern hätte er eigentlich eher auf ein mittelalterliches Schlachtfeld gehört. Er ist nicht sonderlich helle, aber irgendwie haben Russen die Angewohnheit, sich zusammenzurotten. Vor allem große, breitschultrige Russen mit nervösen Fingern am Abzug und Zimmererhammer als Meinungsverstärker im Gepäck. Jene mit einer Miene, die ich persönlich lieber als Bild auf Zigarettenschachteln packen würde, um das Rauchen abzugewöhnen anstatt sie frei rumlaufen zu lassen. Seit jeher kann ich stolz sagen, dass ich mich an der Gabe erfreue, mich nahezu aus jeder Situation herauswinden zu können. Aber zusammen mit Igor, einem noch größeren und noch hässlicheren Kerl, sowie Sergej, einem Ex Elite Soldaten aus der Heimat, bildeten die drei eine Art Schwarmintelligenz, gegen die meine Gabe einfach nur wie Wasser im Sand verlief. Im Schatten der Kroaten und Türken in München hatte Ivan allmählich begonnen, hier in Laim Fuß zu fassen. Sein kleines eigenes Stück Russland. Eine Zeitlang gab er den Schläger und Nachwuchsgangster. Doch von jetzt auf gleich expandierte Ivan. Zwei Clubs, die nur von Russen besucht wurden. Drei illegale Spielhöllen nur für Russen und eine Boxschmiede, wieder ausschließlich nur für Russen, in der er seinen Schlägernachwuchs ausbildete. Ehe die ansässigen Familien etwas unternehmen konnten, hatte Ivan bereits einen Fuß in der Tür, noch bevor die anderen der Sache ein Ende bereiten konnten.

Zurück zu meiner Ausgangsfrage. Also, was weiß ich über Würfelspiele? Eigentlich nur das, dass es in diesem hier außer Ivan keinen Gewinner geben wird. Das Klappern von Würfeln läutete die nächste Runde ein und zwang meine Aufmerksamkeit wieder zum Tisch. Der Zigeuner rechts von mir am Tisch, ein hagerer Kerl mit schmierigen Haaren, schüttelte die Würfel in seinen Händen als mixte er einen Cocktail. Er rüttelte immer weiter. Die anderen Anwesenden sahen durch die wabernden Rauchschlieren ihrer Zigaretten nervös umher. Schließlich war es Igor, der sich von seinem Stuhl erhob und hinter dem Zigeuner aufbaute.
„Na los. Wirf endlich die Würfel.“, grollte die Stimme in schwerem Akzent.
Der Zigeuner verzog sein Gesicht zu einer Miene der Verzweiflung und begann zu schluchzen. Tränen rannen über seine Wangen, indessen er am ganzen Körper zitterte.
„Na komm. Jetzt mach schon“. Forderte er den Mann erneut auf und griff mit seinen Pranken an die Handgelenke. Man sah, wie sehr sich der Zigeuner wehrte, aber gegen das Ungetüm von Russen gab es keine Chance. Er zog dem Mann die Hände auseinander und entließ somit die Würfel endlich in Freiheit. Erleichtertes Seufzen entwich den Spielern am Tisch. Mit Ausnahme des Zigeuners. Er brach regelrecht zusammen. Als er versuchte, aufzustehen, wurde er von Igor wieder auf den Stuhl gedrückt.
„Nein, nein, nein!“, brüllte er immer wieder aus Leibeskräften. „Er, er hat mir die Würfel aus der Hand genommen. Ich will noch einmal. Ihr könnt doch nicht…“
„Du kennst Regeln.“, unterbrach ihn Igor nüchtern und zog den Revolver von der Mitte des Tisches vor den Zigeuner. Der Angesprochene schüttelte nur heftig mit dem Kopf.
„Du weißt was passiert, wenn nicht spielen? Dann Sergej gehen mit Hunden zum Spielen mit deine Frau und Tochter. Weißt du, Hunde sehr, sehr hungrig.“
Das hatte gesessen. Langsam glitten die Hände über die Waffe. Seine Finger schmiegten sich um den Griff. Sie spannten den Hahn und mit einer raschen Bewegung der Handfläche begann die Trommel, klackernd zu tanzen. Der arme Teufel hatte weder einen Pasch noch die von ihm vorher angesagte Zahl. Also war er noch immer am Zug. Mit Glück blieb die Trommel an einer leeren Kammer hängen.
Die Luft war zum Schneiden dick. Wie in Zeitlupe setzte der Zigeuner den Lauf der Waffe unter das Kinn. Seine Brust hob und senkte sich in einem derart hohen Tempo als würde es dem Bass eines Technotracks folgen. Er kniff die Augen fest zu und füllte zum letzten Mal seine Lungen mit Luft. Im nächsten Moment betätige er den Abzug. Es geschah nichts. Der Mann brach unter seiner Anspannung zusammen. Ich kümmerte mich nicht mehr weiter um ihn. Nun war ich wieder an der Reihe. Zögernd griff ich nach den Würfeln, hielt aber mitten in der Bewegung inne.

„Was ist los, Karl.“, erklang Ivans Stimme mit einem sadistischen Grinsen. „Sind Würfel nicht deine Spezialität?“.
„Vierzehn“, wählte ich entschlossen, nachdem ich meine Hand einmal kurz geschüttelt hatte und Ivan fixierte. Meine Finger schlossen sich um die Würfel und sandte im Stillen ein Stoßgebet in alle Ebenen, die die Bibel zu bieten hatte. Obwohl sich außerhalb des Lichtkegels der Glühbirne die Zuschauer wegen den Wetten bereits überschlugen, blendete ich alles aus. Ich bin kein Magier, aber ich glaube an Schicksal. Ich spürte, dass es gut gehen würde, ich wusste, dass es gut gehen würde. Es war vorherbestimmt. Ich öffnete die Finger und als die Würfel zur Ruhe kamen, waren drei Zweier zu sehen. Gerade so schaffte ich es, mir meinen Freudenschrei zu unterdrücken, vor allem, als ich aus dem Augenwinkel sah, wie Ivan die Gesichtszüge entgleisten. Er würde wohl in diesem Moment lieber sehen, dass die Wand hinter mir einen schicken neuen Anstrich bekommen hätte.
„Elf“, erklang die Stimme des nächsten Spielers.

Als ich wieder zu ihm sah, griff er bereits nach dem Revolver. Der Bankangestellte hatte sich etwas zu lange Zeit gelassen, die Raten seines Darlehens bei Ivan abzubezahlen. Der Russe war so freundlich, ihm die Chance in Aussicht zu stellen, seine Schulden beim Würfeln zu tilgen und letzten Endes sogar mit einem ordentlichen Plus aus der Sache herauszukommen. Einen Moment betrachtete er die Waffe. Griff dann neben sich und füllte sein Glas erneut mit dem Hochprozentigen, bevor er die Trommel zum Rollen brachte. Er setzte sich die Waffe an die Schläfe und drückte ohne große Theatralik ab. Donnernd ging das Geschoss los und ließ den Zigeuner und mich zusammenfahren. Der Kopf hing zur Seite, während er in sich zusammensackte. Nur kurz darauf rutschte er vom Stuhl und landete außerhalb meines Sichtfeldes auf dem Boden. Vereinzelt konnte man das Tropfen von Blut hören, das von Wand und Einrichtung tropfte.

Ich muss zugeben, selten so viel Angst gehabt zu haben wie in diesem Moment. Doch nun war ich in der letzten Runde. Der Jackpot von achtzigtausend war zum Greifen nah. Diese Runde würde alles entscheiden. Dann wäre ich fertig mit München, mit den Russen, wer weiß vielleicht würde ich mich nach all dem endlich von meinem bisherigen Leben abwenden? Die richtige Frau dazu hatte ich bereits.

„Wie sieht aus, Karl? Nervös?“, säuselte mir Ivan ins Ohr und setzte sich neben mich. Er roch nach schwerem Parfüm und das Mittel gegen sein weit vorangeschrittenen Haarausfall versprühte ebenfalls seinen Duft.
„Kein Bisschen, Ivan. Kein bisschen.“, log ich und unterdrückte den Reflex, schwer zu schlucken.
„Weißt du, ich wette, du dachtest nie, dass du heute sein würdest hier.“

„Glaubst du an Schicksal, Ivan?“, entgegnete ich und angelte mir das Glas und die Flasche des Bankangestellten. Er würde sicher keinen Drink mehr brauchen.
„Schicksal? Ich bin Schicksal. Ich bin alles. Der Anfang, Adam, Moses, der Tod, Gott. Alles passiert wie ich sagen, Karl. Du hier weil du hast mich mit Würfelspiel betrogen. Aber ich geben dir Chance, dich reinzuwaschen. Magda, ein Glas!“, rief er seiner bildhübschen Sekretärin Schrägstrich Betthäschen Schrägstrich was auch immer zu, die nur einen Augenblick später mit dem gewünschten Utensil ankam. Ivan nahm es ihr ab und schenkte sich ebenfalls ein.

„Weißt du, Karl. Vielleicht wirst du sterben. Vielleicht auch nicht, ist mir egal. Du hast Schuld gebüßt. Wenn du gewinnst, nimmst du Geld und gibst mir was du schuldest. Dann du gehen aus München. Wenn nicht, komme ich wie Unwetter über dich. Ich werde dich zermalmen, wenn ich dich nochmal hier sehe. Verstanden? Ich bin heute Schicksal.“, beendete er seine Ansprache und stieß mit mir an. Beide tranken wir das Glas auf ex aus, bevor er aufstand und sich wieder zu seinem Stuhl wandte. In der Zwischenzeit hatte man etwas sauber gemacht, einen neuen Bezug für den Tisch gespannt und wieder den Revolver in der Mitte positioniert. Magda brachte uns die Würfel.

„Karl.“, begann Ivan laut genug, dass alle Stimmen im Raum verstummten. „Du beginnen.“
Ich begann, stärker zu schwitzen als ich es ohnehin bereits tat. Jetzt würde sich alles entscheiden. Ich schluckte schwer und griff letzten Endes nach den Würfeln. Ich küsste sie mit geschlossenen Augen, sagte die Zehn an und warf. Die Augen immer noch geschlossen blendete ich alles um mich herum aus. Ich sagte ja bereits, dass ich kein Magier bin. Aber ich glaube an das Schicksal und als ich die Augen öffnete, erhellte ein Eine-Million-Megawatt-Lächeln mein Gesicht. Die zehn.

Janko, der Zigeuner, hatte während meines Gespräches mit Ivan offenbar in den Chemiekasten gegriffen, um sich erneut in den Griff zu bekommen. Er kaute heftig auf der Unterlippe und sah sich immer wieder hektisch um. Seine Pupillen waren derart geweitet, dass sie wie schwarze Löcher wirkten. Das merkwürdig schiefe Grinsen, das er aufgesetzt hatte, wurde breiter, als er die Würfel aufhob und die Acht ansagte. Mit langen Bewegungen seiner Hände schüttelte er die Spielelemente durch und warf sie quer über den Tisch. Aber anstatt zu warten, welches Ergebnis kam, schoss seine Hand nach vorne und griff nach dem Revolver. Er kam gerade noch dazu, den Hahn zu spannen und auf Ivan zu richten, als ein Schuss los ging. Blut spritzte mir ins Gesicht und über den Tisch, während der Zigeuner mit ausgebreiteten Armen auf die Tafel sackte. Hinter ihm Sergej, mit gezogener Waffe. Offenbar hatte man so etwas vorhergesehen oder es kam häufiger vor. Blut quoll aus der noch rauchenden Wunde im Hinterkopf und färbte das ursprüngliche Grün des Tisches in ein tiefes Rot. Das Spiel war vorbei und ich hatte es überstanden. Während man den Zigeuner wegschleifte, trat Igor an mich heran und drückte mir einen Umschlag mit meiner Gewinnprämie in die Hand. Ein Blick in Ivans wütendes Gesicht verriet mir, dass er offenbar doch ein anderes Ende für mich vorgesehen hatte aber selbst er hielt sich an seine Versprechen. Ich entschied, mein Schicksal nicht weiter herauszufordern, nahm den Umschlag und verschwand ohne mich umzusehen. Draußen, ich wollte eben in eine Gasse abbiegen, hielt ein Wagen mit quietschenden Reifen vor mir.

„Eine Mitfahrgelegenheit gefällig?“, gurrte eine Stimme vom Fahrersitz aus.
Ohne zu zögern stieg ich ein und blickte in das makellose Antlitz Magdas.
„Hier,“ begann sie grinsend und warf mir einen kleinen Beutel zu. „Ich dachte mir, vielleicht willst du sie ja behalten?“
Als ich den Inhalt genauer betrachtete, erkannte ich die Originalwürfel, die sie wie abgemacht gegen die magnetischen ausgetauscht hatte, deren Schwerpunkt man mithilfe eines Senders beliebig ändern konnte.

„Sind wir vollzählig?“, wollte ich wissen und begann, mir das Gesicht behelfsmäßig mit einem Taschentuch zu reinigen. Mit wölfischem Grinsen entgegnete sie mir:
„Alle dreihunderttausend?“, mit dem Kopf Richtung des Koffers auf der Rücksitzbank deutend. Jenen dreihunderttausend, die sie ausgeschüttet bekam, als sie gegen die getürkte Wette Ivans gesetzt hatte. Der Russe hatte vor, mit gezinkten Würfeln und einer manipulierte Waffe seinem Glück etwas nachzuhelfen. Aber dank meiner langjährigen Partnerin Schrägstrich Spionin Schrägstrich ach denkt euch doch, was ihr wollt, hatte sie Ivan ausgehorcht und wie geplant statt seiner ihre Würfel ins Spiel gebracht.
„Wohin diesmal?“, fragte sie mich.
„Stuttgart soll Einiges Geboten sein.“, erwiderte ich trocken, bevor das Auto um die Ecke bog und im Straßenverkehr abtauchte.

Also, was ich über Würfelspiele weiß? Naja, ich weiß, dass ich mir selbst Glück bringe und das ist alles, was ich wissen muss, wenn man mit mir spielt.